Bauhaus-Universität Weimar

Beobachtungen an Zvveiklängen. 
605 
kalischen bedürfen einer angestrengteren und längeren Analyse, um 
verschmolzene Theiltöne gesondert zu bemerken, festzuhalten und zu 
beurtheilen. TJeber die Octavenlage eines einzelnen Combinations- 
tones waren sie bei meinen Versuchen sehr häufig im Unklaren; sie 
führten indessen diese Unsicherheit zum Theil selbst auf die anders¬ 
artige Klangfarbe der Vergleichszungen zurück; einfache Quinten¬ 
versetzungen kamen bei den Unmusikalischen nicht vor. Hervor¬ 
ragend musikalische Beobachter sind auf den ersten Eindruck hin 
harmonisch bedingten Täuschungen in höherem Grade ausgesetzt; 
bei ihnen hat die musikalische Phantasie großen Einfluss auf die 
Analyse. "Während z. B. St von dem Gesammteindruck sofort ins 
Einzelne ging, zu einfachen oder vermeintlich einfachen Theil- 
empfindungen, hielten sich Mö und v. V zunächst und möglichst 
lange an bekannte musikalische Tongestalten (die für die Vorstel¬ 
lung der musikalisch Ungeübten gar nicht existiren); sie urtheilten 
etwa, und zwar meistens mit überraschender Schnelligkeit: »die große 
Terz unter dem Grundton ist vorhanden« oder »ich höre einen Quart- 
sextaccord«, »eine Octave und darüber eine Quinte« u. dergl. Da nun 
bei gleichmäßiger Auswahl der vorgelegten Intervalle solche musikali¬ 
schen Kategorien nur ausnahmsweise genau zutreffen, stellt die spe- 
cifisch musikalische Uebung eine Quelle besonderer Täuschungen dar. 
Ein musikalisch erfahrener Beobachter erkennt z. B. bei zwei Diffe¬ 
renztönen, die miteinander nahezu eine Octave bilden, viel schneller 
und sicherer, dass zwei Töne von diesem ungefähren Verhältnis 
vorhanden sind, als ein Unmusikalischer ; aber er fühlt sich bei dem 
Versuche, beide Töne qualitativ genau zu bestimmen, durch die har¬ 
monische Beziehung mehr gestört, als ein akustisch geübter Unmusi¬ 
kalischer, wenn er einmal die Zweiheit der Töne erkannt hat. Die 
Unmusikalischen kommen von der natürlichen, undifferenzirten 
Einheit jedes Toncomplexes schwerer los; musikalisch Geübte 
stehen vorzugsweise und mehr unter dem Einfluss harmonischer 
Einheiten und erworbener Eormen. Nicht selten erscheinen 
ihnen mehrere Theiltöne zunächst zu einem oder zweien verschmolzen, 
die thatsächlich gar nicht vorhanden, aber den vorhandenen musika¬ 
lisch verwandt sind. Derartige Täuschungen, die den Unmusikali¬ 
schen kaum jemals begegnen, waren bereits mehrfach zu erwähnen. 
So »hörten« B, Mö und K bei der natürlichen Septime 256 + 448
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.