Bauhaus-Universität Weimar

Beobachtungen an Zweiklängen. 
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wirkt. St bemerkte gelegentlich, dass eine verschwommene Mehrheit 
leiser und sehr schneller Schwebungen den Charakter größerer Un¬ 
deutlichkeit gewann und sogar in ihrem Dasein zweifelhaft wurde, 
sobald er sie scharf mit der Aufmerksamkeit fixirte; als er die Ab¬ 
sicht einer genauen Bestimmung fallen ließ, wurden die Schwebungen 
deutlicher und das Urtheil über ihre Existenz wieder so sicher, wie 
im Anfang, wo sie ungesucht sich hemerklich gemacht hatten. Aus 
einem Tongemisch treten häufig gerade solche Theilphänomene be¬ 
sonders deutlich hervor, die man zur Zeit nicht einmal erwartet hat. 
Aber im allgemeinen führt ein mehr actives Verfahren, ein "Wandem- 
lassen der Aufmerksamkeit und geflissentliches Suchen die psycho¬ 
logische Analyse doch schneller und sicherer zum Ziele als jenes 
passive Sichhingeben an den Gesammtein druck, wozu Mö nach seiner 
musikalischen Gewohnheit und wohl auch nach seiner ganzen indivi¬ 
duellen Veranlagung besonders neigte. Dieser Beobachter brauchte 
zu seinen Feststellungen im Durchschnitt viel mehr Zeit als alle 
anderen; und seine Aussagen blieben in Anbetracht seiner großen 
musikalischen Uehung und der zahlreichen mit ihm angestellten Ver¬ 
suche bis zuletzt verhältnissmäßig ungleich: häufig waren sie über¬ 
raschend genau und vollständig, zuweilen aber auch wider Erwarten 
unbestimmt und dürftig. 
Ueber die Genauigkeit, mit der die Aufmerksamkeit oder die 
Phantasie zum Zwecke der Analyse müsse eingestellt sein, findet man 
in der Literatur die verschiedensten Angaben. Ganz allgemein lässt 
sich darüber wenig sagen; es kommt natürlich auf die Fertigkeit und 
zufällige Disposition des Beobachters an sowie auf die objectiven Be¬ 
dingungen des einzelnen Falles. Eine für die Theorie der Analyse 
bedeutsame Ansicht hat James1) dahin zusammengefasst: »separate 
imagination is the condition of analysis«. Beispielsweise könne man 
aus einem zusammengesetzten Klange nur solche Theiltöne heraus- 
analysiren, die man vorher für sich allein wahrgenommen (einzeln ge¬ 
hört) habe und nun in der Phantasie vorstelle. Stumpf, der früher 
dieselbe Position vertreten hat2), gibt sie in der »Tonpsychologie«3) 
1) Principles of Psychology I, 503 f. 
2) Ursprung der ßaumvorstellung 130f. 
3) H, 77 ff.
        

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