Bauhaus-Universität Weimar

Beobachtungen an Zweiklängen. 595 
Natur der Theilinhalte und ihrer Beziehungen. Ueherall jedoch, auch 
wo die Analyse am leichtesten gelingt, ist psychologisch das Ganze 
früher als der Theil, geht das wahrnehmende Bewusstsein vom Ge- 
sammteindruck zu seinen Oomponenten, von relativ complexen zu ein¬ 
facheren und schließlich zu den einfachsten, nicht mehr zerlegbaren 
Theilinhalten über. 
Ein für die Zergliederung akustischer Complexe höchst bedeut¬ 
samer Factor, der theoretisch vielfach nicht genügend beachtet wird, 
ist das Abstrahiren von allem Unwesentlichen: der Beobachter muss 
lernen, die bereits festgestellten oder gar nicht in Frage stehenden 
Theilerscheinungen und Beziehungen außer Acht zu lassen. Bei 
meinen Versuchen störten z. B. die beiden Primärtöne, diese stärk¬ 
sten Theile des Gesammtklanges, zunächst jeden Beobachter in der 
darüber hinausgehenden Analyse. Und bei jedem bewirkte die fort¬ 
schreitende Uebung eine zunehmende Freiheit im isolirenden Erfassen 
der zur Beurtheilung stehenden Theilerscheinungen, einen immer voll¬ 
kommeneren Ausschluss alles nicht Dazugehörigen. Ich seihst über¬ 
hörte schließlich, wenn es mir lediglich auf einzelne Combinations- 
erscheinungen ankam, die primären Töne bis zu dem Grade, dass ich 
mich nachher zuweilen vergebens besann, ob das soeben wiederholt 
gehörte Intervall consonant oder dissonant gewesen sei, oh es einer 
Terz oder Sexte, einer Decime oder Undecime nahe gelegen habe. 
Um beispielsweise die Differenztöne eines Zweiklanges der ersten 
Periode zu bestimmen, wird man schon nach den ersten Erfahrungen 
die Aufmerksamkeit vorzüglich auf das unterhalb des primären Klanges 
gelegene Tongehiet richten. Die hohen Differenztöne, die in anderen 
Perioden zwischen die Primärtöne fallen, sind schon deshalb schwie¬ 
riger festzustellen, weil jene einfache Praxis hier versagt. 
Gerade für das Fernhalten heterogener oder un wesen th eher Ele¬ 
mente waren meine Versuchspersonen zunächst in recht verschiedenem 
Maße veranlagt. Neben Anfängern in der systematischen Unter¬ 
suchung von Empfindungscomplexen (Bl, Vi) und mäßig Geübten 
standen geschulte Experimentatoren (B, St) mir zur Seite. Die Ver¬ 
suche selbst hatten im ganzen eine ausgleichende Wirkung, indem 
sie die allgemeine Fähigkeit der Analyse bei den Geübteren rascher, 
aber nur im Anfang, bei den anderen allmählich, aber in relativ 
höherem Grade steigerten. Die specifisch musikalische Uebung, 
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