Bauhaus-Universität Weimar

Tachistoskopische Untersuchungen über das Lesen. 
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Es ergab sich, dass die Beobachter einzelne Buchstaben im 
Schriftbild hervortreten sahen und dass sie überhaupt meistens, wenn 
ihnen das Wortbild ungeläufiger war, nur einzelne Buchstaben an¬ 
geben konnten. Diese Buchstaben gehörten als ober-, mittel- und unter¬ 
zeilige bestimmten Kategorien an und die besonders hervorragenden 
ober- und unterzeiligen waren dadurch ausgezeichnet, dass sie vor¬ 
zugsweise erkannt wurden. 
Dies wurde durch die Verwechslungen und Verlesungen von 
Buchstaben bei normalen Wörtern bestätigt. Die Vocale und kleinen 
Consonanten waren den meisten Verlesungen ausgesetzt, die ober¬ 
und unterzeiligen Buchstaben den wenigsten. 
Je charakteristischer also ein Buchstabe gestaltet ist, desto deut¬ 
licher wird er erkannt. Diese charakteristischen Buchstaben sind als 
dominirende Buchstaben zu bezeichnen. Wie »bei der individuellen 
Entwicklung bei der Bildung des Gesichtsraumes noch der Einfluss 
der dominirenden Punkte und Linien im Sehfelde in Betracht kommt, 
indem diese wie durch einen Reflexmechanismus die Stelle des deut¬ 
lichsten Sehens zur Einstellung auf sich zwingen«1), so wirken beim 
appercipirenden Lesen die dominirenden Buchstaben und Buchstaben¬ 
gruppen. Die dominirenden Punkte des Sehfeldes werden in diesem 
Falle durch die determinirenden Buchstaben dargestellt, über deren 
»Hochrelief« das Auge entlang springt. Dies nur bildlich gesprochen. 
Denn wir können wohl annehmen, dass bei 10—15 a Expositionszeit 
keine Augenbewegung stattgefunden habe. 
Das Buchstabencontinuum zerfällt also nach Aehnlichkeit und 
Verschiedenheit in folgende Gruppen: 
I. 1. Vocale: i e o a u 
2. mittelzeilige Consonanten 
a) c v n m w 
b) r s z x 
II. oberzeilige Consonanten 
t 1 f b h d k 
HI. unterzeilige Consonanten 
q p y §■ 
1) Robert Müller, Raumwahrnehmung im monocularen Sehen. Phil. 
Stud. XIV, S. 464 ff.
        

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