Bauhaus-Universität Weimar

Rhythmus und Arbeit. 
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Die Verfasserin hat keine Gelegenheit gehabt, diese Hypothese 
durch Beobachtungen zu bestätigen, sie hat aber z. B. durch Mit¬ 
theilung erfahren, dass die Arbeiter in einer Nagelf ah rik durch das 
Geräusch der Maschinerie schwerhörig wurden, oder dass sie für alle 
Töne oder Geräusche außerhalb der Fabrik taub wurden, während 
sie für die Geräusche der Maschinerie noch empfindlich blieben. 
Versuche zur Messung der Ermüdung an jugendlichen Fabrikarbeitern, 
die Dr. Chary in hiesigen Fabriken ausführte, ergaben durchweg 
eine hochgradige Ermüdung hei Kindern, deren Arbeit rhythmischen 
Charakter trug. 
Das Erkennen eines »Rhythmus* bei den ruhenden Künsten 
(Sculptur, Architektur, Malerei) ist schon erwähnt worden (S. 165). 
Billroth nimmt die Existenz des ruhenden Rhythmus an, und be¬ 
zeichnet denselben als die »Symmetrie«, Gliederung des Raumes, wie 
der bewegte Rhythmus Gliederung der Zeit ist, und zur Bestätigung 
dieser Hypothese hat er die Ansicht von Aristoxenos erwähnt. 
(Westphal, Griechische Rhythmik S. 47.) Aber gerade Billroth’s 
Analyse zeigt, dass dieser sogenannte ruhende Rhythmus viel mehr 
eine logische Construction als eine Sache des Empfindens ist, eine 
Uebertragung zeitlicher Verhältnisse auf das räumliche Nebeneinander. 
Er sagt, die Symmetrie, die mit ruhendem Rhythmus identisch ist, 
hängt wesentlich mit der Empfindung und Vorstellung von Gleich¬ 
gewicht zusammen. Den Sitz des specifischen Gleichgewichtsgefühls 
verlegt er in die halbzirkelförmigen Canäle des inneren Ohres, durch 
welche wir Kenntniss vom Gleichgewicht des Körpers bekommen. 
Diese Kenntniss scheinen wir aber nur in sehr geringem Grade zu 
besitzen. Wir kommen erst durch Selbstbeobachtung und Erfahrung 
zu den Vorstellungen von Symmetrie. Die Thiere aber, und beson¬ 
ders die Vierfüßler, bauen instinctiv symmetrisch, und bei den rhyth¬ 
mischen Bewegungen erhalten sie leicht ihr Gleichgewicht. Die Be¬ 
obachtung dieses symmetrischen Baues und dieser rhythmischen 
Bewegungen ist nöthig, um die Auffassung der Symmetrie und des 
Gleichgewichts zu ermöglichen, zu entwickeln. 
Durch die Erfahrung, z. B. beim Bauen, wird diese Auffassung 
erweitert und vertieft, bis die Kenntniss von Gesetzen entsteht. Der 
Mond und der menschliche Schädel liefern Beispiele von symmetri¬ 
schen runden Formen. Durch solche Beobachtungen und Erfahrungen,
        

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