Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Untersuchungen über das Gedächtniss für räumliche Distanzen des Gesichtssinnes
Person:
Radoslawow, Zwetan H. D.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4279/50/
Untersuchungen über das Gedächtnis» für räumliche Distanzen des Gesichtssinnes. 367 
undeutlicher, bis ich schließlich bloß noch die Oontouren der Figur 
im Stande war mir zu vergegenwärtigen, und es mir nach und nach 
nur nach immer größerer Mühe gelingen wollte, auch das Erinnerungs¬ 
bild der Gesichtszüge hervorzurufen; ja mit der Zeit entschwand die 
ganze Figur aus dem Gedächtnisse, und das Bild derselben wollte 
sich gar nicht einstellen, so dass ich es mir nur durch willkürliche 
Anwendung associativer Mittelglieder — bestehend in verschiedenen 
Nehenumständen — wieder ins Bewusstsein zurückrufen konnte. 
(Wollte ich nämlich das Bild der Person in einer anderen Lage oder 
Umgebung mir vorstellen — was oft auch ohne mein Hinzuthun sich 
mir aufdrängte — so geschah die Reproduction allsogleich und das 
Erinnerungsbild war immer ganz deutlich und frisch.) Machte ich 
dann den Versuch so, dass ich, nachdem ich mir dieselbe Person in 
einer anderen Lage vergegenwärtigte, oder sie etwa von neuem ge¬ 
sehen hatte, oder aber die Vorstellung einer anderen Person zum 
Versuchsobject nahm, mir zur Aufgabe stellte, der Reproduction ihres 
Bildes möglichst zu entweichen, so geschah es, dass ich auch nach 
sehr langer Zeit im Stande war, das Erinnerungsbild, wenn ich es 
wollte, ganz deutlich (wenigstens viel deutlicher als im ersteren Fall) 
mir vorzustellen. Besser lässt sich dieser Versuch mit Objecten an¬ 
stellen, welche in ihrer Form weniger veränderlich sind und uns nur 
in einer oder wenigen Lagen, Umgebungen u. s. w. bekannt sind. Ich 
prägte mir beispielsweise ein Bild ein, welches auf Cabinetformat ein 
Gebäude darstellte (z. B. das mir vornehmlich von einer Seite ge¬ 
läufige Bild des Dogenpalastes in Venedig, der ägyptischen Pyramiden 
mit der Sphinx oder ähnliches). Das Erinnerungsbild wurde bei fort¬ 
währender willkürlicher Reproduction immer blasser und undeutlicher 
und schließlich, nach längerer Zeit, konnte ich mir die meist ver¬ 
waschenen Umrisse des Versuchsobjectes nur schwer vergegenwärtigen, 
und dies nachdem mir vorerst der Carton zwar in seiner wirklichen 
Größe, aber als eine gleichmäßige, leere Fläche in der gräulich¬ 
braunen Färbung der Photographie vorgeschwebt hatte, aus der ich 
gewissermaßen das Bild herausschälen musste1). Wiederholte ich 
1) Wobei es keineswegs auf einmal, sondern, von einem Punkte ausgehend, 
nur nach und nach hervortrat. Ferner ist zu bemerken, dass verwickeltere und 
detaillirtere Zeichnungen leichter und nach längerer Zeit noch deutlich zu repro- 
duciren waren als einfachere. 
Wundt, Philos. Studien. XV. 
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