Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erwiderung auf Prof. Wundt's Aufsatz "Ueber naiven und kritischen Realismus"
Person:
Schubert-Soldern, R. von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4261/7/
Erwiderung auf Prof. Wundt’s Aufsatz »Ueber naiven und kritischen Realismus«. 311 
umgeändert, und was heute für wahr gilt, wäre in jener Zukunft 
falsch. Die absolute Wahrheit wäre dann verloren gegangen, die 
relative aber doch gehliehen; denn vorausgesetzt, dass die Kenntniss 
unserer Vergangenheit erhalten gehliehen wäre, so würde man dann 
sagen, vor einer Milhon Jahren etwa war es wahr, dass auf a b 
folgen musste, heute ist das Umgekehrte der Pall. Unsere jetzige 
Wahrheit wäre dann falsch, aber nicht absolut falsch, sondern nur 
für die Zeit nach einer Million Jahren; und sie wäre richtig, aber 
nicht absolut richtig, sondern nur für unsere Zeit. Absolute Bedin¬ 
gung jeder Erkenntniss und Wahrheit bleibt nur, dass zu irgend¬ 
welcher Zeit Gleichheit der Elemente des Erkennens und ein gesetz¬ 
mäßiges Geschehen vorhanden ist. Absoluter Zufall und wechselnde 
Beschaffenheit der Elemente der Erkenntniss würden diese selbst 
ausschließen. Für diejenigen, welche in einem nach Millionen Jahren 
bestehenden Menschengeschlecht eine Transcendenz erblicken möchten, 
kann ich ein bequemeres Beispiel ahswählen. Ich brauche bloß an¬ 
zunehmen, dass sich mein Denken nach dem Tode völlig verändert 
hat und mit ihm natürlich die Welt, in der ich lebe, dann könnte, 
was wahr für das Diesseits ist, falsch für das Jenseits sein und um¬ 
gekehrt. Die Ansicht dieses Relativismus ist ja nichts Neues, sie ist, 
möchte ich sagen, nur verloren gegangen, hatte aber früher in der 
Form geherrscht, dass nur Gott die volle (adäquate) Erkenntniss zu¬ 
geschrieben wurde, uns Menschen aber nur eine beschränkte relative. 
Die absolute Wahrheit ist eine Folge des naturwissenschaftlichen 
Materialismus, wonach die Naturgesetze ewige sein sollen, obgleich 
eine solche Ewigkeit unerfahrbar und ein Dogma ist. Allerdings für 
den jetzt für uns einzig wissenschaftlich möglichen Standpunkt sind 
derartige Erörterungen unfruchtbar, sie könnten nur eine Tragweite 
haben für eine menschliche Weiterentwicklung nach dem Tode oder 
überhaupt für eine für uns jetzt unvorstellbare Zukunft. 
In dem Abschnitt »Die Transcendenz des Objects und der naive 
Realismus« behauptet Wundt, dass daraus, dass das Ding für mein 
Denken existire, es nicht durch mein Denken existire (S. 325), oder 
mit andern Worten, dass die Dinge unabhängig von meinem Be¬ 
wusstsein existiren. Ich ergreife hier gern die Gelegenheit meine 
Lösung des Transcendenzproblems auseinanderzusetzen, sowohl des¬ 
wegen, weil Wundt, als auch, weil andere (z. B. Rickert) sie gar
        

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