Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erwiderung auf Prof. Wundt's Aufsatz "Ueber naiven und kritischen Realismus"
Person:
Schubert-Soldern, R. von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4261/2/
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tl. von Schubert-Soldern. 
Uebergänge trennen und verbinden alle Anhänger dieser Richtung 
im weitesten Sinn. Es ist deshalb auch Wundt m. E. nicht ge¬ 
lungen, den gemeinsamen Grundzug dieser Richtung zu finden und 
zu charakterisiren ; er scheint in dem Irrthum befangen gewesen zu 
sein, in Schuppe auch alle übrigen Anhänger dieser Richtung (so 
viele er ihrer kannte) getroffen zu haben. Obgleich nun ein so her¬ 
vorragender Denker wie Schuppe auf Alle, die seine Arbeiten 
kennen, eine bedeutende Wirkung ausgeübt hat, so ist er doch kei¬ 
neswegs der gemeinsame Ausgangspunkt dieser Richtung, viel eher 
wäre noch Kant als solcher zu bezeichnen, aber auch er war für Viele 
mehr ein wichtiger Durchgangs- als Ausgangspunkt. 
Es ist eine jedenfalls höchst erfreuliche Erscheinung, wenn ein 
Mann von dem wissenschaftlichen Rufe Wundt’s sich mit unserer 
Richtung auseinanderzusetzen sucht; ich fühle mich, jedoch durcli 
seine Kritik, wie gesagt, theils nicht getroffen, theils aber auch 
missverstanden. 
Zunächst verwechselt, wie mir scheint, Wundt unsem Stand¬ 
punkt mit dem des naiven Realismus (S. 13). Dieser ist die 
Auffassung des gemeinen Mannes, des gesunden Menschenverstandes ; 
er verwirft nicht alle Reflexionen, sondern nimmt nur die gewöhn¬ 
lichsten und allgemeinsten ohne weiteres als wahr an. Wir aber, 
wenigstens ich für meine Person, stellen uns nicht auf den Stand¬ 
punkt des gemeinen Mannes, sondern wir wollen, indem wir von allem 
Gewordenen abstrahiren, den ursprünglichen Eestand (das unmittelbar 
Gegebene) des menschlichen Denkens feststellen, um dann von diesem 
Standpunkt aus das Gewordene (die Erfahrung) einer Prüfung zu 
unterziehen. Dieser Standpunkt ist der Standpunkt der höchsten 
und schwierigsten Abstractionen und gänzlich verschieden vom naiven 
Realismus, der sich gerade dadurch von unserer Richtung unter¬ 
scheidet, dass er dogmatisch gewisse Voraussetzungen macht. Er ist 
daher in keiner Beziehung unser Ausgangspunkt; in den Resultaten 
stehen wir ihm freilich oft näher als der naturwissenschaftlichen 
Ansicht, und das mag auch Wundt dazu verleitet haben, ihn als 
unsern Ausgangspunkt zu betrachten. 
Wenn aber Wundt meint, dass die Erkenntnisstheorie nicht 
beim eigenen Bewusstsein beginnen soll (S. 317), sondern bei den 
wissenschaftlichen Resultaten, so muss ich fragen, wo diese Resultate
        

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