Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Bedeutung der Convergenz- und Accommodationsbewegungen für die Tiefenwahrnehmung
Person:
Arrer, Maximilian
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4255/5/
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Maximilian Arrer. 
Und wenn sich am Auge Organe und Verhältnisse finden sollten, die 
beim Tastsinn unzweifelhaft zur Erzeugung der Raumvorstellung con- 
curriren, so mussten es eben diese sein, die auch an der Hervor¬ 
bringung der Raumvorstellung beim Gesichtssinn Antheil haben. 
Schon bei Descartes ist dieser Gedankengang leicht erkennbar: er 
meint, so wie der Blinde, wenn er die Lage und Bewegungen seiner 
Hände kennt, aus der Oonvergenz der Stäbe, mit denen er tastet, 
auch die Entfernung des betasteten Gegenstandes ermittele, ebenso 
der Sehende durch die Blickbewegungen seiner Augen1). Dieselbe 
1) Descartes, a. a. O. p. 62. Von der Lage und den Bewegungen der Hände, 
so wie der Augen, wie endlich jedes der Bewegung fähigen Organs, haben wir 
ein Bewusstsein durch entsprechende Veränderungen im Centralorgan. Wenn 
wir unsere Augen oder unseren Kopf nach irgend einer Seite wenden, sagt 
Descartes, so ist die Seele davon benachrichtigt durch die Veränderungen 
in den Nerven, die in diejenigen Mushein eingeh en, vermöge welcher 
jene Bewegungen Zustandekommen (S. 60). Aber die Seele erlangt auf 
diesem Wege nicht nur Kenntniss von der Richtung, nach welcher ein Organ 
gewendet ist, sondern sie kann auch ihre Aufmerksamkeit auf alle Punkte der 
Linie übertragen, die die Richtung des Auges repräsentirt. Descartes denkt 
sich von allen Theilen des Körpers Linien in den Raum ausgehend, nach denen 
die Eindrücke nach außen verlegt werden. Jeder Nervenfaser der Netzhaut ent¬ 
spricht eine solche Linie. Wie groß aber die Entfernung des so gesehenen 
Gegenstandes ist, wissen wir noch nicht; die Seele kann wohl, wie bemerkt, auf 
jeden Punkt der Projectionslinie ihre Aufmerksamkeit übertragen, sie bedarf aber 
in unserem Palle eines besonderen Hülfsmittels, um die Entfernung genau zu 
ermitteln. Dieses besondere Mittel ist der Convergenzwinkel; ihn schätzen wir 
mittelst einer in uns existirenden »natürlichen Geometrie« (S. 62). — Man sieht 
aus allem dem, dass die Neuerung, die Berkeley in Bezug auf die Convergenz- 
bewegungen der Augen hinzugefügt hat, nicht in der Entdeckung von Augen¬ 
muskelempfindungen besteht, sondern dass er den rationalistischen Standpunkt 
Descartes’ mit seinem empirischen vertauschte. — Vergleicht man ferner in 
unserer speciellen Frage die Ansichten nicht etwa von Le Cat (Traité des sen¬ 
sations 1767, zum ersten Mal 1740, VI. S. 474) oder Porterfield (On the eye, IL 
S. 388 fil.) mit denjenigen Descartes’, sondern von Forschern unseres Jahrhun¬ 
derts, wie etwa Hu eck, der da sagt: um die Entfernung eines vor uns liegenden 
Objectes zu bestimmen, »messen« wir »ganz trigonometrisch zuerst die Basis oder 
Standlinie und dann den parallaktischen Winkel oder vielmehr den dazu gehörigen 
Bogen« (a. a. O. S. 28); oder wie Nagel, dem der Mechanismus ebenfalls »sehr 
einfach ist, nämlich eine geometrische Construction« (Das Sehen mit zwei Augen, 
1861. S. 15, 181 ff.), oder Fick, der die Seele aus den Eindrücken beider Augen 
wie aus Bausteinen den räumlichen Vorstellungsinhalt im Außenraume regelrecht 
aufbauen lässt (Lehrbuch der Anatomie und Physiologie der Sinnesorgane, 1864. 
S. 318 ff.), dann wird man zugestehen müssen, dass der géométrie naturelle noch in 
unseren Tagen eine große Rolle zukommt.
        

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