Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Kritik der Kinderpsychologie, mit Rücksicht auf neuere Arbeiten
Person:
Eber, Heinrich
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4253/35/
Zur Kritik der Kinderpsychologie, mit Rücksicht auf neuere Arbeiten. 621 
wenn von nichtpsychologischen Standpunkten aus für sich wirkende 
Vermögen und Kräfte in die Bewusstseinsvorgänge hineininterpre- 
tirt werden, und besonders wenn, wie es Preyer thut, eine Form 
der Bewusstseinsvorgänge, die erst für das entwickelte mensch¬ 
liche Bewusstsein typisch genannt werden kann (wie die Ver¬ 
standesoperationen), hypostasirt und zu einem angebornen »Ver¬ 
mögen« erklärt wird. So schreibt Preyer dem »angebornen« und 
»vererbten« Verstand gleich unmittelbar nach der Gehurt eine, wenn 
auch primitive »unterscheidende, sondernde, vergleichende, verknü¬ 
pfende, zeitlich und räumlich ordnende« Thätigkeit und damit den 
Charakter einer im Bewusstsein des Kindes herrschenden seelischen 
Kraft zu, wie sie ein physiologisches Analogon nur in dem natür¬ 
lichen Alchymisten findet, dem Paracelsus den Magen als Wir¬ 
kungsstätte angewiesen und den er »Archäus« getauft hat. 
Es ist aber augenscheinlich, dass die Bezeichnungen »Unter¬ 
scheiden«, »Sondern«, »Ordnen«, » Abstrahiren«, »Urtheilen«, 
»Schließen« nur Begriffe1) sind, von denen ein jeder für sich 
gleichartig erscheinende Bewusstseinsvorgänge benennt, und wenn 
diese Processe unter dem gemeinsamen Begriff » Verstandesthätig- 
keiten« zusammengefasst werden, so sind die »Verstandesthätig- 
keiten« nur ein Classenbegriff, also lediglich ein Product des logi¬ 
schen Denkens. 
Für die Psychologie als eine exact empirische Wissenschaft 
ist es aber von vornherein ausgeschlossen, dass sie solche logisch 
gebildete Begriffe zu Grunde lege und etwa aus diesen Begriffen 
oder aus den zu Vermögen und Kräften hypostasirten Begriffen die 
Qualität der einzelnen Bewusstseinsvorgänge deducire. Dass Preyer 
sich dazu entschließen kann, dem Bewusstsein des eben gebornen 
Säuglings die oben genannten Verstandesthätigkeiten, wenn auch 
noch in einer primitiven Form zu prädiciren, erscheint hier ledig¬ 
lich als Ausfluss einer solchen der Beschaffenheit des Untersuchungs¬ 
gebietes nicht adäquaten Subsumtionslogik. Die Psychologie darf 
nicht logische Begriffe, sondern sie muss Bewusstseinsthatsachen 
zu Grunde legen und kann von logischen Begriffen nur im 
Zusammenhang mit den entsprechenden Bewusstseinsthatsachen 
1) Vergl. Herbart, Werke, V, S. 218. 
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