Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Wahrnehmung von Druckänderungen bei verschiedenen Geschwindigkeiten
Person:
Stratton, Georg M.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4251/61/
Ueber die Wahrnehmung von Druckänderungen bei verschiedenen Geschwindigkeiten. 585 
dadurch beseitigt, dass der Beobachter im voraus wissen konnte, 
wie lange die zu beobachtende Veränderung dauern würde. Er 
konnte sich also für die verschiedenen Beobachtungen gewisser¬ 
maßen accommodiren. Indem er von der Sorge, möglichst frühzeitig 
nach dem Auftreten der Erscheinung zu reagiren, befreit war, konnte 
er seine ganze Aufmerksamkeit auf den zu beobachtenden Vorgang 
richten. Für die feine Auffassung schneller Veränderungen zeigt 
sich dies besonders günstig. Andererseits konnte der Beobachter bei 
langsamen Veränderungen geduldig und ohne voreilig zu sein ur- 
theilen. Die Protocolle zeigen in der That deutlich ein größeres 
Zurückhalten der Entscheidung bei diesem, als bei dem Reactions- 
verfahren. Als wir nach unserer gewöhnlichen Methode verfuhren, 
hatte Herr Judd z. B. hei langsamer Druckabnahme (0,004) oft 
eine Neigung, diese Veränderung als Zunahme zu beurtheilen, nie¬ 
mals aber gab er in den 10 Reihen mit Entschiedenheit an, dass 
dies Zunahme sei. Wenn wir dagegen die Reactionsmethode an¬ 
wandten, gab er bei der Druckabnahme oft das sichere Urtheil 
»Zunahme« ah. Ebenso war Herr Dr. Kiesow bei dem Reactions- 
verfahren fast immer sicher, dass eine langsame Abnahme (0,004) 
eine Zunahme war. Bei dem anderen Verfahren gab derselbe Beob¬ 
achter jedoch nur dreimal in zehn Reihen ein sicheres, aber dann 
falsches Urtheil ab. 
Solche falsche Urtheile bieten, selbst wenn sie Vorkommen, bei 
dem stufenweisen Verfahren für die Resultate keine besondere 
Schwierigkeit dar. Der Experimentator braucht in diesem Falle 
die Reihe nur weiter zu führen, er gelangt dann an einen Punkt, 
von wo an die klare und richtige Wahrnehmung erfolgt. Bei dem 
Reactionsverfahren aber muss man die sämmtlichen Fehlreactionen 
beim Berechnen der Schwellenwerthe einfach vernachlässigen und 
denselben daher — weil sie keine Fälle einschließen, bei denen 
ein falsches Urtheil überwunden wurde — einen mehr oder minder 
künstlichen Charakter ertheilen. Da die Fehlreaction nach unseren 
Protokollen bei ungefähr derselben Veränderungsgröße vorkommt, 
bei welcher auch die richtige Reaction stattfindet, so würde eine 
derartige Ueberwindung wahrscheinlich einen außergewöhnlich hohen 
Schwellenwerth nach sich ziehen. Da solche Fälle bei dem Reac¬ 
tionsverfahren ausgeschlossen werden, so dürfte man hierin noch
        

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