Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber Raumwahrnehmungen im Gebiete des Tastsinnes
Person:
Judd, Charles Hubbard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4247/42/
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Charles Hubbard Judd. 
Man wird anfangs nur allgemein wahrnehmen, dass mehr als ein 
Punkt gereizt wurde. Wir haben aber gesehen, dass die dem Ur- 
theil Linie zu Grunde liegenden Empfindungen eben diejenigen 
Empfindungen sind, welche *das Vorhandensein von Localzeichen 
anzeigen, die gerade nicht mehr gleich sind, aber auch noch nicht 
so verschieden, dass sie als getrennt wahrgenommen werden kön¬ 
nen. Diese Reihe zeigt demnach ganz deutlich den großen Unter¬ 
schied zwischen den zwei von Fechner unterschiedenen Schwel¬ 
len, der Schwelle der erkennbaren Größe und der Schwelle der 
erkennbaren Distanz, wenn die letztere nach der Weber’schen 
Methode bestimmt ist. 
Fassen wir nun das Gefundene nochmals zusammen, so ergibt 
sich, dass die ganze Raumwahrnehmung im Gebiet des Tastsinnes 
dadurch zu Stande kommt, dass die einzelnen Empfindungspunkte 
der Haut qualitative Unterschiede aufweisen, die wir als räumliche 
Verschiedenheiten interpretiren. Fassen wir nun die in einem Falle 
empfundenen, als sogenannte Localzeichen bekannten Empfindungs¬ 
inhalte als qualitativ gleich auf, sei es wegen der Verschmelzung 
der gereizten Hautbezirke oder in Folge der Unmöglichkeit, die¬ 
selben unter den gegebenen psychischen Bedingungen zu unter¬ 
scheiden, so erscheinen uns die Reize als eine räumliche Einheit. 
Diese Einheit nennen wir Punkt, womit aber nicht mehr aus¬ 
gedrückt ist als die Abweseùheit jeglicher Ausdehnung. Fassen 
wir dagegen die Localzeichen als eben nicht gleich auf, so ordnen 
wir sie in unserer Raumanschauung neben einander und zwar zu¬ 
nächst ohne dass wir von der Richtung, die sie zu einander ein¬ 
nehmen, eine klare Vorstellung haben. Vermögen wir dieselben 
aber als deutlich von einander verschieden aufzufassen, so betrach¬ 
ten wir sie als getrennte Punkte. Wenn dagegen innerhalb der 
Distanz, die sich zwischen dièsen zwei Punkten befindet, alle mög¬ 
lichen Uebergangsstufen empfunden werden, so werden wir eine 
continuirliche Linie wahrnehmen. Die Richtung ist endlich in 
allen Fällen nur dann wahrnehmbar, wenn mindestens zwei Local¬ 
zeichen in ihren qualitativen Unterschieden deutlich erkannt wer¬ 
den. Die psychische Bedingung, welche die Auffassung von Local¬ 
zeichen am meisten erschwert^, ist in erster Linie das gleichzeitige 
Auftreten mehrerer Localzeichen im Bewusstsein. Hierauf ist es
        

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