Bauhaus-Universität Weimar

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Armand Thiéry. 
Die Assimilation überhaupt beruht auf der Gewohnheit, die¬ 
jenigen Elemente hinzuzufügen, welche man mit dem Vorhandenen 
immer verbunden gesehen hat. Ist man z. B. mit einer bestimmten 
Lectüre fortwährend beschäftigt, so werden die speciellen Worte 
dieser Lectüre geläufig, und man glaubt sehr oft dieselben zu sehen, 
wenn man auf der Straße zufällig Namen liest, die mit jenen Wor¬ 
ten nur eine geringe Aehnlichkeit, d. h. nur einige Buchstaben 
und allgemeine Formen mit ihnen gemein haben (Wundt). Bei 
den perspectivisch-geometrischen Täuschungen können ebenso wie 
bei dem Anblick von Theatercoulissen Dimensionstäuschungen ent¬ 
stehen. Ein Unterschied zwischen beiden Fällen liegt aber darin, 
dass bei den perspectivisch-geometrischen Täuschungen die perspec- 
tivische Ansicht zuweilen nicht so auffallend ist. 
Wir haben in der That mehrere Beispiele von geometrisch¬ 
optischen Täuschungen kennen gelernt, welche die Eigenschaft 
hatten, dass sie von Relief- oder perspectivischen Vorstellungen 
begleitet werden können. Im allgemeinen gibt es aber zwei Classen 
perspectivisch-geometrischer Täuschungen : 
1) Täuschungen, welche so beschaffen sind, dass Relief-Vor- 
stellungen der Figur entstehen können. Durch die Relief-Ansicht 
erscheint die Figur nicht mehr als eine Ebene, sondern als ein er¬ 
habenes Object. Zum Beispiel kann man diese Relief-Ansicht an 
den prismatischen Figuren (Fig. 4—6, Bd. XI S. 319) und bei der 
Helmholtz’sehen Untersuchung der Zöllner’schen Figur (Bd. XI 
S. 313) wahrnehmen. 
2) Täuschungen, bei welchen man keine directe Relief-Ansicht 
beobachtet, wobei man jedoch erkennen kann, dass es möglich ist, 
die Figur perspectivisch zu interpretiren. Das heißt: die Figur er¬ 
scheint in der Zeichnungsebene, stellt jedoch erhabene Gegenstände 
dar, so dass sie wirklichen Gegenständen entspricht, deren ver¬ 
schiedene Theile in verschiedenen Entfernungen vom Beobachter 
liegen würden. 
Man könnte die Täuschungen beider Classen erklären wollen, 
indem man sagte, die Relief- und die perspectivische Vorstellung 
veranlasse eine entsprechende Veränderung der Dimensionen der 
Figur. Diese Erklärung ist indess unzulässig, denn die Täuschung 
existirt auch, wenn die Relief- oder perspectivischen Vorstellungen
        

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