Bauhaus-Universität Weimar

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Armand Thiéry. 
die Täuschung der geneigten Lage des oberen Schenkels für das 
rechte Auge aufhörte. In der That scheint in diesem Falle das 
obere Ende nicht mehr das entferntere zu sein, weil eine monocular 
betrachtete Linie, die in der Medianebene steht, und deren beide 
Enden ungleich entfernt sind, mit ihrem entfernteren Ende immer 
nach links gerichtet zu sein scheint, wenn man mit dem linken, 
nach rechts, wenn man sie mit dem rechten Auge ansieht. Dem 
entspricht, dass beim Sehen mit dem rechten Auge die rechts 
liegende Hälfte einer horizontalen Linie als die entferntere aufge¬ 
fasst und deshalb für die größere gehalten wird. 
Wenn durch vergrößerte Convergenz die Primärlage sich tiefer 
senkt, wird auch die scheinbare Neigung der monocularen Halb¬ 
bilder der Verticalen entsprechend vergrößert (Helmholtz p. 469). 
Die scheinbare Neigung der Halbbilder einer verticalen Linie wird 
dagegen kleiner, wenn man nicht Kreuze, sondern einfache Linien 
betrachtet, wahrscheinlich deshalb, weil die Fixation des Kreuzungs¬ 
punktes die stereoskopische Ansicht begünstigt. Volkmann beob¬ 
achtete in diesem Falle die Täuschungsgröße 91,1°, 90,6°, also eine 
Abweichung von 0,5. 
Hering glaubte, die scheinbare Neigung sei vom Horopter ab¬ 
hängig. Helmholtz zeigte aber, dass dies nicht der Fall ist. Man 
muss vielmehr mit Wundt annehmen, dass alle diese Thatsachen 
zusammen, der Horopter, die Neigung der Ebene der Musculi ex- 
terni und interni, die schräge Richtung der Primärlage und die 
davon abhängende scheinbare Neigung einer monocular gesehenen 
verticalen Linie, der allgemeinen Bedingung des Sehens entsprechen, 
dass die Objecte in der Regel mit nach vorn geneigter Visirebene 
gesehen werden. Da in Folge dessen falsche Stereoskopien der verti¬ 
calen Linie sehr leicht möglich sind, so wird die Größenschätzung 
derselben dadurch fortwährend beeinflusst. 
Auf die Entwickelung der Tiefenvorstellungen sind vor allem 
die Bewegungen der Augen von Einfluss. Wir lassen unser Auge 
vom Nahen zum Fernen hinschweifen, und der Weg, den es dabei 
zurücklegt, gibt uns ein Maß für die Distanzen der nach einander 
gesehenen Gegenstände'). Dasjenige Ende, das zuerst gesehen wird, 
1) Wundt, Menschen- und Thierseele. 2. Aufl. S. 185.
        

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