Bauhaus-Universität Weimar

Ueber geometrisch-optische Täuschungen. 
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zwei horizontalen Linien nicht der Fall ist1). Yolkmann hat ferner 
auf experimentellem Wege gefunden, dass beim Sehen von Quer¬ 
linien die Verschiedenheit des Abstandes der zwei Linien in den 
beiden Halbbildern (Grenzdistanz) desto größer sein darf, je mehr 
die Querlinien sich den verticalen nähern, nämlich je weniger sie 
zum Horizont geneigt sind, und dass ein Kreis leichter mit einer 
kleineren Ellipse als mit einem kleineren Kreise verschmilzt, voraus¬ 
gesetzt dass die kleine Achse der ersten in der Richtung der Hori¬ 
zontale liegt2). 
Dass für horizontale Distanzen zwischen verticalen Parallelen 
monoculare Stereoskopie bloß ausnahmsweise oder wenigstens viel 
seltener vorkommt als für verticale, das hat natürlich zur Folge, 
dass, wenn wir die Zeichnung eines rechtwinkligen Kreuzes vor 
Augen haben, die plastische Ansicht einer ungleichen Entfernung 
der beiden Enden der wagerechten Distanzen nicht zur Geltung 
kommen kann, während die für verticale Distanzen viel leichter 
stattfindet, vorausgesetzt dass die Zeichnungsebene senkrecht zur 
Medianebene steht. Recklinghausén hat gezeigt, dass, wenn 
man auf einer ebenen Fläche einen aus einer Anzahl von Linien, 
die sich in einem Punkte schneiden, bestehenden Stern zeichnet 
und dessen Mittelpunkt fest mit nach ohen gerichtetem Blick fixirt, 
die nach oben gerichteten Strahlen des Sterns in einer concaven 
Kegelfläche zu liegen scheinen, die nach unten in einer convexen; 
— umgekehrt, wenn man den Kreuzungspunkt der Strahlen mit 
nach unten gerichtetem Blick fixirt. Helmholtz fand idie Täu¬ 
schung noch auffallender, wenn man die fast horizontalen Strahlen¬ 
linien weglässt (Phys. Opt. S. 683). Eine ähnliche falsche Stereo¬ 
skopie eines verticalen Fadens wird beobachtet, wenn man den 
Kopf nach hinten oder nach vorn gebeugt hat. Man muss dann 
das untere Ende des Fadens vom Beobachter entfernen bez. ihm 
näher bringen, damit der Faden vertical erscheint (Hering, Bei¬ 
träge V. p. 297. Helmholtz p. 663). Dreht man das ganze recht¬ 
winklige Kreuz etwas gegen den Horizont, so verändert sich die 
scheinbare Neigung der Verticalen je nach der Richtung der Drehung. 
Helmholtz beobachtete, dass für eine Neigung von 18° nach links 
1) Wundt, Grundzüge. 4. Aufl. Bd. II. S. 135. 
2) Archiv für Ophthalmologie 1859, Bd. V. II. S. 45.
        

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