Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Untersuchungen über die Grundlagen der Mathematik, Fortsetzung
Person:
Lipps, Gottlieb Friedrich
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4234/7/
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Gotti. Friedr. Lipps. 
§ 2. 
Die in den angeführten Beispielen zu Tage tretende Verschie¬ 
denheit der Ausgangspunkte philosophischer Untersuchungen ist 
nicht etwa darin begründet, dass thatsächlich das Gegebene,, an 
das doch naturgemäß angeknüpft werden muss, einer Metamorphose 
fähig wäre und den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend bald diese, 
bald jene Gestalt annehmen könnte. Es kann vielmehr bloß die 
Werthschätzung und die Auffassung des Gegebenen Modifikationen 
erleiden. So kann vielleicht ein Philosoph, der mit seinem Er¬ 
kennen das Weltall umspannen möchte, zu Annahmen und Voraus¬ 
setzungen veranlasst werden, die sich unvermerkt bereits dem Ge¬ 
gebenen anheften und so sich am besten einer im Verlauf der 
Untersuchung eintretenden kritischen Prüfung entziehen. Es kann 
auch eine bereits gewonnene Einsicht, rückwärts wirkend, am Ge¬ 
gebenen Sein und Schein zu unterscheiden lehren oder den Werth 
des Gegebenen im Vergleich zu den klaren Resultaten des Denkens 
zweifelhaft erscheinen lassen. Insbesondere aber ist zu erwägen, 
dass es nicht bloß ein philosophisches, sondern auch ein von den 
Bedürfnissen des täglichen Lebens geleitetes Denken gibt, das be¬ 
reits Prüchte gezeitigt hat, ehe das philosophische Denken erwacht. 
Von dem letzteren können nun die Resultate der populären Re¬ 
flexion (z. B. die Scheidung in Ich und Außenwelt, in Subjectives 
und Objectives und die damit zusammenhängende Trennung in 
einen inneren und einen äußeren Sinn) unbefangen hingeijommen 
oder einer kritischen Prüfung unterworfen werden; in jedem Falle 
aber sind sie geeignet, die Auffassung des Gegebenen durch eine 
stillschweigend acceptirte Beurtheilung desselben zu beeinflussen. 
Dem gegenüber ist daran festzuhalten, dass das Gegebene im 
Gegensatz zu dem durch das Denken Erworbenen steht und dass 
somit nicht auch zugleich eine Beurtheilung des Gegebenen oder ein 
Wissen betreffs der Herkunft des Gegebenen als gegeben angenom¬ 
men werden darf. Wollte man nun einwenden, dass das Gegebene 
doch von Haus aus mit dem Denken verknüpft sei und darum auch 
Spuren des Denkens an sich tragen müsse, so muss zunächst zuge¬ 
standen werden, dass allerdings das Denken seine Objecte nicht in 
der Weise bearbeitet wie etwa der Töpfer den Thon, in welchem Falle
        

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