Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Untersuchungen über die Grundlagen der Mathematik, Fortsetzung
Person:
Lipps, Gottlieb Friedrich
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4234/18/
Untersuchungen über die Grundlagen der Mathematik. II. 375 
Weise fasst man jenen Zustand auf, wenn man sagt, dass Empfin¬ 
dungen die Schwelle des Bewusstseins überschreiten. Man vergleicht 
so das Bewusstsein einem Wohnraume, wo Erlebnisse kommen und 
gehen oder sich dauernd niederlassen, wenn sie nicht von andern 
verdrängt werden. Solche und ähnliche Bilder haben ohne Zweifel 
ihre Yortheile — insbesondere scheint das Bild eines Trägers zu¬ 
treffend zu sein — ; sie dürfen nur nicht dazu verleiten, das Bewusst¬ 
sein selbst wie einen selbständigen^Inhalt des Bewusstseins zu 
betrachten, während es doch der Zustand ist, in dem man sich 
befindet, wenn man sich seiner Erlebnisse bewusst ist. 
Dieser Zustand ist von Anfang an vorhanden, sobald das Ge¬ 
gebene Gegenstand des Denkens wird. Eben deswegen braucht 
die Reflexion bei der Analyse des Gegebenen den Zustand des 
Bewusstseins nicht besonders zu beachten, sondern kann denselben 
als selbstverständlichen Träger seiner Inhalte stillschweigend hin¬ 
nehmen. Ist aber das Bewusstsein als Träger seiner Inhalte erkannt 
worden und fragt man sich nun, ob das Bewusstsein oder oh sein 
Inhalt früher vorhanden sei, so wird man geneigt sein, das Be¬ 
wusstsein für das Ursprüngliche zu halten. Es ist in der That die 
nothwendige Bedingung dafür, dass das Gegebene vom denkenden 
Ich erfasst und bearbeitet werden kann, und es scheint somit dem 
bloß erfahrungsmäßig — a posteriori — Gegebenen als ursprüng¬ 
licher Besitz des Geistes — a priori — zu Grunde zu liegen. Bedenkt 
man nun noch, dass sein Inhalt wechselt und bald größer, bald 
kleiner ist, so muss man es wohl für möglich halten, das Bewusst¬ 
sein als Träger des Gegebenen seines wechselvollen Inhaltes zu 
entkleiden, so dass es als leeres Bewusstsein des Gegebenen harrt, 
um es zu formen und geformt dem Denken zu überliefern. Indessen 
ist die Frage, die den Anlass zu dieser Ueberlegung gibt, der vor¬ 
handenen Sachlage gar nicht angepasst; denn weder das Bewusst¬ 
sein noch sein Inhalt ist das Ursprüngliche, sondern beide sind 
unlöslich mit einander verbunden und nur das Denken kann sie 
unterscheiden. Es ist daher das Bewusstsein thatsächlich nie leer. 
Die Reflexion, die den Zustand des Bewusstseins ins Auge fasst, 
kann allerdings den Inhalt außer Acht lassen, sie kann aber doch 
nicht das Bewusstsein losgelöst von seinem Inhalte zu begreifen 
lehren — es sei denn, dass sie irrthümlieher Weise auf eine
        

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