Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Entwicklung von Kant‘s Theorie der Naturcausalität
Person:
Radulescu-Motru, Constantin
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4233/38/
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Constantin Radulescu-Motru. 
war der Geist gleichsam ein Gefängniss, von dem aus das gesammte 
Weltall erblickt wird; hier ist das gegenständliche Bild das einzige 
Kriterium fiir die wissenschaftliche Gewissheit. Diese Tendenzen 
sind beide diesen zwei Jahrhunderten nicht eigenthiimlieh: sie treten 
schon vor ihnen in der philosophischen Entwicklung nachdrücklich 
hervor, und sie leben auch in unseren Tagen noch fort. Sie wer¬ 
den auch in Zukunft solange fortleben, als das Problem, dem die 
Eleaten das Leben gegeben haben, für die Erkenntnisstheorie von 
Wichtigkeit sein wird. Je nachdem man zwischen der Wirklichkeit 
des Geistes oder der der Materie wählt, entscheidet man sich auch 
für die eine oder andere Weltanschauung. Sie beide von einander 
zu trennen, historisch darüber zu entscheiden, welcher von beiden 
Gesichtspunkten jeweilig der ursprünglichere ist, darüber zu ur- 
theilen, oh die über die Natur des Geistes aufgestellte Theorie der 
über die Materie voraufgeht oder umgekehrt, — dies alles ist kaum 
möglich; nur das Vorwiegen der einen vor der anderen spiegelt sich 
in der Philosophie jeder Epoche klar wieder. So war z. B. in der 
antiken Philosophie die Theorie über die Natur der Seele, besonders 
die Erkenntnisstheorie, derzufolge unser Wissen von den objective« 
Dingen vermittelst unendlich kleiner Bildchen vor sich gehen sollte, 
die sich von der Oberfläche der äußeren Körper loslösen, um in 
unsere Empfindungsorgane einzudringen, durchaus dazu angethan. 
die atomistische Theorie zu begünstigen; in unserer Zeit ist die 
Theorie der Nervenerregbarkeit einer idealistischen Anschauung 
günstig; hat aber nicht trotzdem eher das Umgekehrte stattgefunden ? 
D. h. die antike Erkenntnisstheorie hat sich nach der Analogie der 
atomistischen Theorie der Materie gestaltet, und die objectiven Ge¬ 
setze der Mechanik haben die Theorie der Nervenerregung, der 
Perception u. s. w. erzeugt. Ebenso ist es in der Aristotelischen 
Philosophie die objective, d. h. die beobachtbare organische Zweck¬ 
mäßigkeit, die die Unterscheidung zwischen Form und Stoff und 
weiterhin die von der Scholastik gepflegte Theorie der »Gattungen« 
eingegehen hat. Wahrscheinlich entwickelten sich beide Theorien 
fast gleichzeitig, und der Einfluss der einen auf die andere war 
schon vom ersten Augenblicke an wirksam, dank der Neigung 
des menschlichen Denkens, in der Erkenntnissthatsache stets eine 
Beziehung von Gleichem zu Gleichem zu suchen. Das Object soll
        

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