Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur experimentellen Aesthetik einfacher räumlicher Formverhältnisse, Schluss
Person:
Witmer, Lightner
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4230/52/
Zur experimentellen Aesthetik einfacher räumlicher Formverhältnisse. 261 
Verhältnissen statt; ferner ist bei der Q-Progression jeder Theil 
gleich der Summe der beiden vorhergehenden : es kommt also hier 
zur Gleichheit der Verhältnisse auch noch die Gleichheit anschau¬ 
licher Größen hinzu. Betrachten wir diese Eigenschaften als ma߬ 
gebend für den ästhetischen Werth, so wäre hiermit die Wohl¬ 
gefälligkeit der Proportionalität zwar nicht erklärt, aber doch unter 
ein bekannteres ästhetisches Princip, das der Gleichheit, subsumirt. 
Es lassen sich aber gegen diese Hypothese triftige Einwände 
machen. Während nämlich alle Versuchspersonen angeben konnten, 
dass die Figur mit dem Verhältniss 1:1 ihnen schön erschiene, weil 
sie die Theile als gleich erkannten, hat keine einzige hei der Pro¬ 
portionalität eine Gleichheit wahrgenommen. Es wurde von ihnen 
nur der Minor mit dem Major verglichen, nicht aber wieder der 
Major mit der Summe von beiden. Und seihst bei der progressiven 
Eintheilung einer Strecke nach dem Princip des Q, wo eine Gleich¬ 
heit von concreten Längengrößen und nicht nur die ahstracte von 
Verhältnissen sich vorfand, ist diese Eigenschaft von keinem be¬ 
merkt worden. Besonders spricht auch die Thatsache der persön ¬ 
lichen Abweichung gegen die mathematische Erklärung des ©. Der 
Durchschnittswerth aller Resultate kommt zwar dem Q sehr nahe, 
die einzelnen Versuchspersonen dagegen zeigen zum Theil so be¬ 
deutende und constante Abweichungen, dass eine völlige Gleich¬ 
setzung des © mit dem Q nicht zulässig erscheinen kann; weiter 
sprechen noch dagegen die Thatsachen: erstens, dass die Wohl¬ 
gefälligkeit einer Reihe von Verhältnissen vom Q nach beiden 
Seiten hin stetig und nicht wie bei der Gleichheit plötzlich ab¬ 
nimmt, oder in anderen Worten, bei der Proportionalität findet sich 
ein wohlgefälliges Gebiet und nicht ein bestimmtes isolirtes 
Verhältniss; und zweitens, dass mit der Uebung die persönliche 
Abweichung eines Individuums ziemlich constant bleibt, die mittlere 
Variation aber sich allmählich verkleinert; ferner auch noch die 
Leichtigkeit, mit der andere Mitbestimmungen hei complicirteren 
Figuren die ästhetischen Forderungen des Q zurücktreten lassen. 
Nicht als eine wohlgefällige complicirtere Gleichheit ist so¬ 
nach die ästhetische Proportionalität aufzufassen, sondern vielmehr 
als eine wohlgefällige Verschiedenheit, die unmittelbar gegeben ist 
als eine Verschiedenheit einheitlich verknüpfter Theile.
        

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