Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Beiträge zur physiologischen Psychologie des Geschmackssinnes, Fortsetzung
Person:
Kiesow, Friedrich
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4221/15/
Beiträge zur physiologischen Psychologie des Geschmackssinnes. 537 
so weniger zweckmäßig erscheinen, als wir doch immer wieder ein 
Wort haben müssen, das als Gattung die Art umschließt. 
Mit Bezug auf die Contrasterscheinungen, welche auch für den 
Geschmackssinn anzunehmen ich durch die nachstehend beschrie¬ 
benen Versuche genöthigt werde, will ich kurz hervorheben, dass 
ich dieselben mit Wundt1) auf centrale Vorgänge zurückführe. 
Der Contrast bedeutet für mich, dass wir nicht in einer Welt des 
Absoluten, sondern in der des Relativen leben. Indem die Natur 
in ihrer reichen Mannigfaltigkeit das Licht variirte, hat sie selber 
die Organe gebildet und für den Gesichtssinn das Gesetz der Be¬ 
ziehungen geschaffen, so dass wir farbloses Licht in der Contrast- 
farbe percipiren, wenn farbiges das Auge trifft. So kommt es auch, 
dass eine Farbe von geringerer Sättigung in unserer Wahrnehmung 
durch den conträren Eindruck in ihrer Intensität gehoben werden 
kann. Sobald anatomisch-physiologisch die Bedingungen verändert 
sind, sind auch diese Verhältnisse verschoben. So fand Kirsch¬ 
mann2) einen Fall, in dem Blau zu Roth in complementärem und 
contrastirendem Verhältnisse stand. Das Gleiche gilt für den Ge¬ 
schmackssinn. Wenn ich nun die specifische Energie als Ent- 
wickelungs- und Adaptationsresultante fasse, so scheint mir dieselbe 
zu den Contrastphänomenen in keinem Widerspruche zu stehen. 
Dass aber die contrastirenden Erscheinungen im Gebiete des Ge¬ 
schmackssinnes mit der Annahme letzter Sinne nicht vereinbar 
sind, wird von Oehrwall selber bedeutsam hervorgehoben3). 
V. Adducco und U. Mosso4) hatten bei Untersuchungen über 
die Physiologie des Geschmacks gefunden, dass nach Reizung der 
Zunge mit Schwefelsäure destill. Wasser süß empfunden werde. 
Ameisen-, Citronen-, Essigsäure riefen diese Wirkungen nicht her¬ 
vor. Oehrwall prüfte den Befund nach und fand, dass eine Lösung 
von 0,5^ das Phänomen deutlich hervorrief, 0,1^ aber nicht mehr. 
Adducco und Mosso hatten hier irgend welche durch |die 
Schwefelsäure erzeugte Veränderung in den Endapparaten vermuthet. 
1) Physiol. Psychol. 4. Aufl. I. S. 538 ff. Vergl. S. 553 Amn. 1. 
2) Wundt, Phil. Stud. VIII, S. 196 ff. 3) a. a. O. S. 21 f. 
4) Giorn. della R. Acad, di Medic. 1886. Nr. 1—2. Citirt nach Oehrwall, 
a. a. O. S. 24 f.
        

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