Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Beiträge zur physiologischen Psychologie des Geschmackssinnes, Fortsetzung
Person:
Kiesow, Friedrich
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4221/14/
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Friedrich Kiesow. 
Organs für jeden Empfindungskreis und des histologisch gleich¬ 
artigen Baues der Elementarorgane innerhalb eines jeden nicht 
als Gründe gegen seine Forderung anerkennen will1), so wird 
seine Ansicht nur verständlich durch die von ihm vertretene Lehre 
von der specifischen Energie, die er in dieser Beziehung consequent 
zu Ende gedacht haben will. Dieselbe scheint mir aber bei ihm 
ein Apriori im Sinne der Kant’sehen Anschauungsformen zu sein. 
Auf diesen Punkt habe ich erst im vierten Capitel dieser Arbeit 
einzugehen. Hier will ich nur bemerken, dass ich die ganze Lehre 
von der specifischen Energie der Sinnesorgane nicht als ein letztes 
Princip betrachte, sondern als eine auf dem Wege der Erfahrung 
gefundene physiologische Thatsache, die wie jede andere ent¬ 
wickelungsgeschichtlich ihre Erklärung finden muss. Als ein 
Apriori gefasst aber scheint mir die empirisch festgestellte That¬ 
sache zu einem metaphysischen Begriffe verflüchtigt zu werden. 
Vom genetischen Gesichtspunkte aus würde ich daher auch noch 
keinen Widerspruch mit der Lehre von der specifischen Energie 
darin erblicken können, wenn sich herausstellen sollte, dass nicht 
jedes einzelne Endorgan auf einen bestimmten Geschmacksreiz 
abgestimmt wäre. Dann aber liegt um so weniger ein Grund vor, 
den einmal von der Sprache überkommenen Begriff des Ge¬ 
schmackssinnes in vier Einzelsinne zu spalten. Dass ich beispiels¬ 
weise von Salz nicht durch Süß und Sauer zu Bitter gelangen 
kann, wie vom Roth zum Violett, kann möglicher Weise in 
den objectiven Reizmitteln begründet sein, deren Natur wir nicht 
kennen. 
Man hat bei der Specialisirung der Sinne zuweilen die Befunde 
der Chemie vor Augen gehabt, welche auf dem Wege der Forschung 
von anfangs vier Elementen gegenwärtig zu etwa 67 gelangte. Wenn 
man aber hier ein Analoges aufsucht, so scheint mir der von Wundt 
geschaffene Empfindungsbegriff der angemessenere; denn, wenn 
wirklich einmal anatomisch specifische Endgebilde nachgewiesen 
werden, so werden sich dann der sprachlichen Entwickelung gemäß 
die Begriffe Sinnes- und Empfindungsorgan wie von selbst ergeben. 
Die althergebrachten Begriffe aber ganz zu verdrängen, möchte um 
1) a. a. O. S. 18 f.
        

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