Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus, Fortsetzung
Person:
Meumann, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4218/7/
Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus» 399 
Weise beständig das logisch Unbedeutende in gleicher Weise hervor¬ 
kehrt wie das Bedeutsame. Darum widerstrebt uns aber alle 
strenge Regelmäßigkeit in der Versrhythmik, auch die Gleichheit 
der Betonungszeiten. Ich verstehe dabei unter Regelmäßigkeit 
die gleiche Wiederkehr aller rhythmischen Elemente, auch z. B. 
der Zahl der Hebungen und Senkungen eines rhythmischen Ganzen. 
Es folgt daraus, dass eine gewisse Regellosigkeit dem poetischen ( 
Rhythmus naturgemäß ist, von dem rhythmisirten Material der 
Poesie geradezu gefordert wird, und damit wird jedenfalls in dem 
von den älteren Aesthetikern so viel betonten »Reiz der Wieder¬ 
herstellung« ein wesentliches ästhetisches Element des Versrhythmus 
zu suchen sein. Aus der logischen Natur der rhythmischen Gruppe ^ 
des Verses folgt aber weiter, dass auch in der Rhythmisirung die 
Unterordnung des logisch Unbedeutenden unter das Bedeutsamere 
zum Ausdruck komme. Das geschieht, indem die (früher, S. 396 er¬ 
wähnte) logische Gruppe in einem System abgestufter Betonungen, 
die sich unter der Herrschaft einer Hauptbetonung in der rhyth¬ 
mischen Gruppe zusammenschließen, für das Ohr des Hörenden 
markirt wird. Diese Subordination der Accente einer Gruppe ist 
eine der augenfälligsten Erscheinungen des poetischen Rhythmus. 
Gegenüber dem Ergebniss unserer theoretischen Ueberlegungen 
über die Betheiligung des Zeitbewusstseins an dem Versrhythmus 
muss es in Erstaunen setzen, dass selbst angesehene Vertreter der 
modernen Metrik streng an dem »Princip der Taktgleichheit« für 
den gesprochenen Vers festhalten. So führt H. Paul1) aus: »Nicht 
nur für den musikalischen Vortrag, sondern auch für den rechnen¬ 
den, soweit er dem natürlichen Gefühl folgt und durch keine Theorie 
beirrt wird (!?), gilt das Gesetz, dass die einzelnen Takte in der 
Zeitdauer einander gleich sind. Exacte Messungen auf diesem Ge¬ 
biet hat Brücke veranstaltet«. Man sieht, dass Brücke diesen 
Irrthum — ganz unschuldig — veranlasst hat. Brücke ließ nun 
aber bei seinen Versuchen scandirend sprechen, dabei ist es 
dann ziemlich selbstverständlich, dass bei der großen Einfachheit 
der Versfüße und der unbedingten Herrschaft, die wir über die 
ganze beim Sprechen betheiligte Muskulatur haben, die Taktgleich- 
1) Grundzüge der germanischen Philologie. Straßburg 1893. II, 1. S. 909 f.
        

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