Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus, Fortsetzung
Person:
Meumann, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4218/22/
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Ernst Meujnann. 
Worte nach dem Sinne es ist, welche, indem sie beim Declamiren 
in einem der logischen und emotionellen Bedeutung entsprechen¬ 
den System von Betonungsstufen 2|um Ausdruck kommt, die kleinsten 
rhythmischen Einheiten constituirt. Die Arbeit des Dichters 
besteht dann aber in der Auswahl und der Zusammenstellung der 
Worte, so dass sie rhythmische Gruppen bilden, ohne schematisch 
rhythmisirt zu erscheinen. Man kann das an beliebigen Beispielen 
zeigen : 
»Immer, immer nach Westet das würde in der Prosasprache 
etwa ausgedrückt werden: »Es muss immer nach Westen gefahren 
werden«. Der Dichter lässt das ganze »es muss gefahren werden« 
weg, wählt nur die beiden bedeutungsvollsten Worte (Vorstellungen) 
aus »immer« »nach West«, er steigert das erstere durch Wieder¬ 
holung1) und gibt dem letzten noch die poetische Form »West« statt 
»Westen«. Es sei hierbei darauf hingewiesen, dass die Metriker 
die poetische Wirkung oft gar zu einseitig im Rhythmus sehen 
und glauben, man habe die reine Prosasprache, wenn der Rhythmus 
einmal momentan verloren gehe. Dies erzeugt dann ein allzu 
ängstliches Suchen nach rhythmischer Regelmäßigkeit im Verse. 
Man vergisst dabei, dass die Wahl der Worte, die »gewählte« 
Sprache, eben so, sehr den poetischen Charakter zu wahren vermag, 
wie die Wahl der Töne in der Musik den Charakter eines musika¬ 
lischen Kunstwerkes garantirt, wenn auch einmal »tempo rubato« 
oder Recitativ vorgeschrieben ist. 
Dieser Gedanke einer logisch-rhythmischen Gruppenbildung im 
Verse ist aber noch einer tieferen Begründung fähig. Bei der sub- 
jectiven Rhythmisirung einfacher unter sich gleicher Schalleindrücke 
zeigte sich, dass diese stets eingeleitet wurde von einer »innerlich 
zusammenfassenden Thätigkeit«. Diese hebt die für einander zu¬ 
nächst gleichgültigen Schalleindrücke aus ihrer Isolirung und 
schließt sie zu einem Ganzen als Glieder desselben zusammen. 
Führt man Intensitätsunterschiede in den Schalleindrücken ein, so 
1) Höffding hat gelegentlich darauf hingewieaen, dass mächtiger Gefühls»- 
drang eine Wiederholung der Worte erzeugt. Die Veränderung, Entwickelung 
des Gefühlszustandes ist eine zu langsame, die der Vorstellungsbewegung eine 
zu schnelle, als dass einmaliger Ausdruck des Gefühls der inneren Bewegung 
genug thun könnte. Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. 1890. XIV. S. 185.
        

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