Bauhaus-Universität Weimar

Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus. 291 
Aber auch dem Wesen des Rhythmus selbst wird Westphal 
nicht ganz gerecht, indem er die relativ selbständige Bedeutung 
des Betonungselementes nicht zu würdigen weiß. In Folge dessen 
geräth er gegenüber dem Rhythmus der Poesie in Verlegenheit, weil 
diesem scheinbar das wesentliche Element des Rhythmus fehlt, nämlich 
die Gleichheit der Zeitabschnitte (vgl. a. a. O. S. 321F.). Anderer¬ 
seits wird in Folge der Verkennung des metrischen Gesichtspunktes 
dem Versfuß eine viel, zu große Bedeutung beigelegt; sowohl der 
Versfuß wie die Takteinheit ist für den rhythmischen Eindruck 
des Hörenden nicht nothwendig vorhanden, sondern er kann bald 
in der kleinsten gehörten rhythmischen Gruppe verschwinden, bald 
sich mit ihr decken. 
Nächst den allgemeineren Ausführungen Wundt’s kommen 
für unseren gegenwärtigen Zweck noch einige gelegentliche Be¬ 
merkungen in Betracht, ich erwähne z. B. den Hinweis darauf, 
dass der Componist dem ausübenden Musiker verhältnissmäßig 
wenig Vorschriften über den Rhythmus zu geben pflege, und dass 
auf Grund eines »natürlichen rhythmischen Gefühls« die Betonung 
demnach richtig aus dem Motiv errathen werden könne; ferner, dass 
der Zuhörer sie vernehme, auch wenn die Betonungsunterschiede 
»auf das leiseste durch ein höchst discretes Markiren der Hebungen 
angedeutet werden«; sodann, dass wir auch auf Instrumenten, die 
thatsächlich keinerlei Betonung ausführen können, etwas dem Ana¬ 
loges zu hören glauben. »Das rhythmische Gefühl ist es auch, dass 
man auf der Orgel, wo es unmöglich ist, auch nur einen einzigen 
schweren Takttheil durch stärkere Intension vor den übrigen her¬ 
vorzuheben, den Rhythmus, in welchem sich der Componist das 
Musikstück gedacht hat, schon nach wenig Tönen erkennen 
kann« (S. 177). Hier werden drei für das psychologische Ver¬ 
ständnis des Rhythmus wichtige Thatsachen angedeutet: die Be¬ 
tonung wird nicht nur durch den Intensitätswechsel, sondern auch 
durch das Motiv, d. h. durch den QualitätsWechsel der Töne und 
die Auffassung, die wir ihnen geben, bestimmt. Daraus ergibt 
sich die wichtige Frage: Woher stammt diese Beziehung zwischen 
dem Qualitätswechsel der Töne und ihrer Betonung? Die zweite 
Thatsache ist die, dass wir thatsächlich beim Anhören eines Musik¬ 
stückes eine Menge von Accentuirungen in das Motiv hinein-
        

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