Bauhaus-Universität Weimar

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Ernst Meumann. 
psychologisch ebensowohl die Betonung auf dem ersten wie auf dem 
letzten Gliede (bez. beim dreigliedrigen Takt auf dem mittleren) 
begründen ; die Betonung des zweiten Taktgliedes wird speciell von 
Eiemann aus dem mehrfach erwähnten Princip der Wiederholung 
abgeleitet; der genannte Autor schreibt die rhythmische Einheit: 
J | J. Dass die Wiederholung eine Steigerung des rhythmischen 
Eindruckes bewirkt, ist keine Frage. Es erscheint darum von diesem 
Gesichtspunkt aus natürlicher, den Takt so zu schreiben, wie Rie- 
mann vorschlägt. Dem steht aber entgegen die andere Beobach¬ 
tung, dass die Einleitung der rhythmischen Einheit durch die be¬ 
tonte Note der psychologisch einfachere Fall zu sein scheint. Man 
kann sich davon durch zwei leicht ausführbare Experimente über¬ 
zeugen. Schaltet man in eine Reihe von Schalleindrücken des 
Schallhammers, die in immer gleichen Zeitintervallen auf einander 
folgen, nach einer gleichen Zahl von schwächeren Eindrücken einen 
stärkeren Schlag ein, so kann diese Reihe natürlich von dem Be¬ 
obachter willkürlich so gehört werden, dass der betonte Schall immer 
den Takt beginnt oder abschließt. Regelmäßig wird nun das erstere 
gehört. Lässt man zweitens längere Zeit auf dem Taster einen 
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dreigliedrigen Takt von der Form 12 3 klopfen, so verwandelt 
sich derselbe unwillkürlich nach einiger Zeit in den umgekehrten 
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12 3, vorausgesetzt, dass man lange genug mit dem Klopfen fort¬ 
fährt. Es scheint mir aus dieser und einer Anzahl ähnlicher Be¬ 
obachtungen über unwillkürliche Rhythmuswahrnehmung (Rhyth¬ 
musherstellung) hervorzugehen, dass wir eine natürliche Neigung 
besitzen, den betonten Schall als den taktb eg in nenden zu hören, 
und ich sehe darin nicht etwa eine Eigenthümlicheit der deutschen 
Nationalität, wie Müller und Schumann, übrigens auch sehr 
viele Metriker, zu vermuthen scheinen, wie ich daraus folgern 
muss, dass ich an sechs verschiedenen Ausländern dieselbe Erschei¬ 
nung fand wie an deutschen Beobachtern. Ueberdies hat Bolton 
(Americ. Journ. of Psychol. Bd. VI. S. 186 If.) an 30 Beobachtern fast 
ausnahmslos die natürliche Bevorzugung der Betonung des ersten 
Taktgliedes in der subjectiven Rhythmisirung- einfacher Schallein¬ 
drücke feststellen können. Was endlich die Erklärung der ästhe¬ 
tischen Wirkungen des Rhythmus angeht, so habe ich schon oben
        

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