Bauhaus-Universität Weimar

Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus. 
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messen. Der richtige Gedanke, der hierin liegt, wird nun aber da¬ 
durch abgeschwächt, dass Horwicz behauptet: »es gibt kein anderes 
Zeitmaß als den Rhythmus«. Thatsächlich ist, wie die einfachste 
Beobachtung lehren kann, auch an ganz unregelmäßig verlaufenden 
Empfindungen eine sehr genaue Vergleichung ihrer Successions- 
geschwindigkeit und Dauer möglich. Aber Horwicz verwechselt 
hier zwei Thatsachen, die wohl aus einander zu halten sind; indem 
er behauptet : » Ganz unregelmäßig verlaufende Empfindungen lassen 
sich nicht messen, gewähren keine einheitliche Auffassung, keine 
Vergleichung«, deutet er den richtigen Gedanken an, dass, wenn 
es in einem psychischen Leben gar keine Wiederholung gäbe, jeder 
Moment einem so gearteten Wesen etwas völlig Neues brächte, eine 
Vergleichung auf einander folgender Bewusstseinszustände in der 
That unmöglich wäre. Alle Vergleichung in qualitativer, intensiver, 
zeitlicher, räumlicher Hinsicht, so will Horwicz sagen, geschähe 
durch irgend welche gleichen Bestandtheile und werde nur durch 
diese möglich. Das ist aber ganz etwas anderes wie die Behaup¬ 
tung, dass Zeitintervalle, die ganz unregelmäßig auf einander 
folgen, unvergleichbar seien. Sie sind darum sehr wohl vergleich¬ 
bar, weil in ihnen das gemeinsame zeitliche Element vorhanden ist. 
Damit dürfte die Behauptung Horwicz’s, dass »der Rhythmus 
das Maß der Zeit« sei, abgewiesen sein. 
Die Ausführungen von Horwicz gewinnen nun dadurch noch 
einiges Interesse, dass er versucht, unter Polemik gegen Wundt, 
die Gefühlswirkung des Rhythmus zu erklären, und dabei sogar die 
Entstehung einer rhythmischen Ordnung auf einander folgender 
Empfindungen physiologisch zu erklären unternimmt. Wundt 
habe, so meint Horwicz, die Ursache des Wohlgefallens an Takten 
in einem rein intellectuellen Factor gesucht, nämlich in der Er¬ 
leichterung, die unserer Auffassung der Empfindungen und ihrer 
Zeitverhältnisse durch die rhythmische Ordnung geboten werde ; 
»offenbar aber ist unser Wohlgefallen am Rhythmus ganz unab¬ 
hängig von jedem Vorstellungsinhalte«. Offenbar sieht Horwicz 
nicht, dass es überhaupt keinen rhythmischen Eindruck geben 
kann, bei dem wir nicht vorstellend thätig sind, denn das innere 
Zusammenfassen der Eindrücke zu geordneten Gruppen findet schon 
die Selbstbeobachtung selbst in den primitivsten Fällen von Rhytli- 
Wundt, Philos. Studien. X. 19
        

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