Bauhaus-Universität Weimar

262 
Erast Meumann. 
Rhythmus der Vorstellungsthätigkeit zu einem ungleichmäßigen 
macht. 
Kurz, nur soweit räumliche Gebilde dem betrachtenden Subject 
mittelbar Veranlassung zu periodisch succedirender Betrachtung 
geben, können sie etwa Antheil nehmen an den rhythmischen Er¬ 
lebnissen. Die Begriffsbestimmungen Köstlin’s würden eher das 
Umgekehrte vermuthen lassen1). Mit jenen allgemeineren Ausfüh¬ 
rungen geht Köstlin allerdings über die bloß ästhetischen Theorien 
hinaus. Da sie aber lediglich im Sinne einer Begriffsanalyse ge¬ 
halten sind und zu dem psychologischen Verständniss der rhyth¬ 
mischen Erlebnisse nichts beitragen können, sehe ich keinen Grund, 
die Rhythmustheorie Köstlin’s unter einem andern als dem ästhe¬ 
tischen Gesichtspunkt zu behandeln. Zugleich aber mögen die 
Ausführungen Köstlin’s als Beispiel einer speculativen Behandlung 
des Rhythmus genügen. Auf die zahlreichen, rein speculativen 
Rhythmustheorien gehe ich nicht weiter ein. 
Obgleich Lotze eine Reihe gelegentlicher Bemerkungen über 
die psychologische Erklärung des Rhythmus als solche gegeben hat, 
so überwiegen bei ihm so sehr die Reflexionen über die ästhetische 
Seite des Phänomens, und diese sind so wenig mit der psycholo¬ 
gischen Erklärung des Rhythmus in Zusammenhang gebracht, dass 
wir sie hier selbständig behandeln können. Mit Lotze stoßen wir 
zum ersten Male auf eine Trennung des directen und associativen 
Factors in der ästhetischen Wirkung des Rhythmus. Es ist be¬ 
kannt, dass er im Gegensatz zu der formalistischen Aesthetik der 
Herbartianer als ein Hauptverfechter der ausschließlichen Bedeutung 
der associativen Factoren für den ästhetischen Eindruck auftrat. 
Seine Theorie der ästhetischen Wirkungen des Rhythmus muss im 
Zusammenhang mit seinen allgemeinen ästhetischen Anschauungen 
betrachtet werden (Gesch. d. Aesth. S. 487 ff.; vergl. Vorlesungen über 
Aesthetik, Leipzig 1884. S. 26. Kleine Schriften, Bd. II. S. 222 ff.). 
Jedes Kunstwerk muss nach Lotze eine Andeutung des ganzen 
Weltbaus und »erst auf sie aufgetragen die Darstellung einer 
1) Köstlin, Aesthetik. Tübingen 1869. S. 89 ff., 554ff. und öfter. Ich 
brauche wohl kaum zu bemerken, dass ich über die geistreiche Musikästhetik 
des genannten Autors mit den obigen Ausführungen keinerlei Urtheil abgegeben 
haben will.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.