Bauhaus-Universität Weimar

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ihrer Bedingungen gleichfalls anders gestalten und mit dem Wegfall 
jener selbst verschwinden. Die Zergliederung des Thatsächlichen wird 
überall bald ihre Grenze finden, da uns die zarte Natur des Gegen¬ 
standes bei unseren Schlüssen 'Vorsicht zur ganz besonderen Pflicht 
macht. So fällt zwar die Hirnphysiologie ziemlich mager aus, allein 
dies kann uns nicht bestimmen, den Defect durch gehaltlose Redensarten 
zu decken. Erfahrungsgemäss hängen nun vom Gehirn ab : die soge¬ 
nannten rein seelischen Functionen, die Empfindungen und willkührliche 
Bewegung, sowie endlich automatische und refiectorische Erscheinungen 
verschiedener Art. 
Die rein seelischen Functionen sind durch das Gehirn bedingte Vor¬ 
gänge, welche nach Aussen nicht nothwendig in die Erscheinung zu 
treten brauchen; sie entziehen sich daher auch jedem objectiven Angriff 
durch quantitative Bestimmungsmethoden. Wir können daher zur Zeit 
nicht mehr thun, als den Versuch machen, ob sich nicht auf einige Er¬ 
fahrungen hin etwas Näheres über das Abhängigkeitsverhältniss selbst 
zwischen geistiger Leistung und Gehirn nach irgend einer Beziehung 
hin bestimmen lasse. Dass überhaupt das letztere die Bedingung der 
ersteren sei, geht aus den zahlreichen Wahrnehmungen hervor, nach 
welchen Erkrankungen des Gehirns irgend welcher Art die geistigen 
Functionen beeinträchtigen oder verschwinden machen. Nicht, oder nur 
unvollkommen gekannt dagegen sind die Bedingungen, welche von Seiten 
des Gehirns zu erfüllen sind, damit die seelischen Aeusserungen in die¬ 
ser oder jener Richtung, in niederem oder höherem Grade sich vollziehen. 
Die schwachen Versuche, welche bisher zur Erkennung derselben gemacht 
worden sind, beschränken sich auf folgende. Es lag nahe, damit zu 
beginnen, die Gehirne geistig besonders befähigter Individuen einfach zu 
besichtigen und zu sehen, ob sich an ihnen Nichts Bemerkenswerthes 
finden lasse, was solchen abgehe, die man Personen entnommen, denen 
eine geringere geistige Energie zum Erbtheil geworden. Derartige 
Beobachtungen schienen anfangs darauf hinzudeuten, dass die Gehirne 
geistig besonders befähigter Persönlichkeiten durch ihr Gewicht und den 
Reichthum ihrer Windungen ausgezeichnet wären. Indess hat die Ver¬ 
vielfältigung hierher gehöriger Beobachtungen ergeben, dass dieser Satz 
nicht so ohne Weiteres richtig ist. Bezüglich des Gewichtes kommen 
bei ungleich geistig begabten Personen unter übrigens gleichen oder 
nahezu gleichen Bedingungen, wie namentlich Alter und Geschlecht, 
dieselben Zahlen vor. Was den Reichthum und die Tiefe der Windun¬ 
gen betrifft, so kennt man Beispiele windungsarmer Gehirne, welche sich 
■während des Lebens von nicht geringer Intelligenz erwiesen. Man sieht 
auch ein, dass der Zusammenhang zwischen geistigen Fähigkeiten einer- 
Eckhard, Nervenphysiologje. io
        

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