Bauhaus-Universität Weimar

144 
die Zeiteinheit hersteilen. Schelske’s Resultate schwanken zwischen 
25 und 32 Meter für die Secunde und führen demnach zu einem Mit- 
telwerthe von c. 29 Meter für diese Zeit, also einem Werthe, der dem 
von Hirsch gefundenen ziemlich nahe kommt. — In den Versuchen 
von Schelske ist noch eine andere Frage berührt, die besprochen zu 
werden verdient, die nämlich, ob die Fortpflanzungsgeschwindigkeit durch 
das Rückenmark eine wesentlich andere, als die durch die Nervenbahnen 
sei. Um für sie eine Antwort zu gewinnen, hat Schelske in der Art 
verfahren, dass er die hinteren Aeste der Rückenmarksnerven in ihren 
Ausbreitungen in der die Rückenmuskeln deckenden Haut reizte und 
zwar so, dass er in zwei auf einander folgenden Versuchen Hautstellen 
am Rücken und am Nacken wählte, deren zugehörige Nerven nach 
ihrem Austritt aus dem Rückenmark nahezu gleich lang waren, sich 
aber dadurch von einander unterschieden, dass die einen innerhalb des 
Rückenmarks einen um 590 Mm. langem Weg als die anderen zu durch¬ 
laufen hatten. Er fand, dass der Innervationsvorgang zum Durchlaufen 
dieses Weges etwa 0,019 Sec. Zeit braucht, oder dass er in einer Se¬ 
cunde um etwa 31 Meter fortschreitet. Demnach wäre also die Schnel¬ 
ligkeit der Fortpflanzung der Innervation in peripherischen Nerven und 
dem Rückenmark gleich. Es ist zwar auch das Gegentheil von der 
Leitungsfähigkeit des Rückenmarks ausgesprochen worden *), allein auf 
Versuche hin, die auf den ersten Blick den Mangel an derjenigen Schärfe 
erkennen lassen, die auf diesem Gebiete nothwendig ist. 
§• 19. 
Physiologie des Gehirns. 
Ich darf wohl bei dem physiologischen Leser voraussetzen, dass er 
in diesem Capitel nur nach solchen Mittheilungen sucht, welche durch 
ein Verfahren gewonnen sind, das unserem bisherigen Verhalten voll¬ 
kommen entspricht. Leere Speculationen Uber die Natur der Gehirn¬ 
functionen gehören nicht in das Gebiet der Experimentalphysiologie. 
Wir ziehen die von dem Gehirn nachweislich abhängigen Erscheinungen 
nur insoweit in Betracht, als wir sie mit unseren Hilfsmitteln und unse¬ 
ren Methoden zu zergliedern vermögen. Was sich beiden zur Zeit 
nicht fügt, gehört nicht in unsere Domaine, obschon die Lüsternheit, 
das fremde Gut in sie hineinzuziehen, uns zur Anstrengung anspornen 
mag. Wir werden also hier darzustellen haben, welche Erscheinungen 
vom Gehirn überhaupt und von welchen Theilen desselben im Besonde¬ 
ren sie abhängen, indem wir zeigen, wie sie sich mit der Aenderung 
*) Brown Sequard: Sur la vitesse du courant nerveux. Journal du Progrès. 
1859. p. 323.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.