Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Relativitätsprincip in Herbert Spencer's psychologischer Entwicklungslehre
Person:
Pace, Edward A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4187/48/
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Edward Pace. 
dem Werth der Erkenntniss das Verhältniss umzukehren und das 
Denken, welches schon auf innere Zustände oder Relationen be¬ 
schränkt ist, als ein Zeugniss gegen die Wirklichkeit hervorzuheben, 
welche jeder Wahrnehmung zukommt. 
Suchen wir nun die Wurzel, der dieser Schluss entspringt, 
bloßzulegen, so steckt sie in jener Verallgemeinerung, welche 
Spencer’s Definition des Lebens auf das psychische Lehen in allen 
seinen Formen ausdehnt. Inwieweit jene Formel für das physi¬ 
sche Lehen gelten darf — oh sie die Thatsachen klarer gemacht 
oder umgekehrt — darauf haben wir nicht einzugehen. Wollte 
man beiläufig einwenden, dass auch diejenigen Handlungen, 
welche keine Anpassung zeigen und deshalb einen für den Orga¬ 
nismus schädlichen Erfolg haben, dennoch an und für sich vitale 
Operationen sind, so könnte Spencer vielleicht erwidern, es handle 
sich um eine Definition des Lebens in abstracto. 
Jedenfalls verräth sich, sobald die Erkenntniss als eine An¬ 
passung der inneren Beziehungen an die äußeren dargestellt 
wird, die Zweideutigkeit des Ausdrucks. Denn »anpassen« heißt 
etwa, den Zustand eines Dinges derart verändern, dass es sowohl 
den veränderten Beziehungen zu andern Dingen als auch seinem 
ursprünglichen Zwecke gerecht wird. Dahin also lässt sich das 
Wesentliche der Anpassung feststellen, dass ■ sie zwei getrennte 
Dinge voraussetzt. Eben deshalb aber ist »anpassen« mit Bezug 
auf die Erkenntniss nicht zulässig. Man denkt sich, hier seien 
die Vorstellungen, dort die Gegenstände; jetzt wandeln sich die 
letzteren zu einer neuen Beziehung um, infolgedessen müssen sich 
die Vorstellungen, falls die Uebereinstimmung gerettet werden soll, 
auch umgestalten. Was ist geschehen? Rückt vielleicht der innere 
Zustand etwas näher an das »Wesen« des äußeren? Keineswegs; 
nur eine neue Beziehung ist zu Stande gekommen, und die Rela¬ 
tivität der Erkenntniss liegt auf der Hand ; »kein Gedanke kann 
jemals mehr ausdrücken als Beziehungen«. Es ist allerdings wahr, 
dass wir bei unserer Begriflsbildung nach einer Uebereinstimmung 
mit der Wirklichkeit hinstrehen; wenn aber die Wirklichkeit nicht 
in der Vorstellung gegeben ist, so ist unser Streben von vornherein 
zu einem Misslingen verurtheilt. Der Compass ist über Bord ge¬ 
worfen; wo sollen wir hinsteuern?
        

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