Bauhaus-Universität Weimar

Die Lehre vom Willen in der neueren Psychologie. 
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thatsache in erster Linie zu begreifen, und es handelt sich also 
darum, ob zwischen dem wählenden und auf irgend einen Reiz 
reagirenden Willen ein derartiger Zusammenhang besteht, dass der 
letztere als bewusstes Rudiment des ersteren angesehen werden kann. 
Der Begriff der individuellen Reaction kann doch zunächst keine 
andere Bedeutung haben, als diejenige einer eigenthiimlichen, durch 
allgemeine Gesetze nicht vorausbestimmbaren Bewegungsreihe. Es 
liegt also in diesem Begriff nichts, was mich veranlassen könnte 
die gestellte Frage in bejahender Weise zu beantworten. 
Die Meinung Ribot’s, dass die Wahl weiter nichts sei als 
ein Urtheil affirmativer oder negativer Art, gibt mir zu folgender 
Auseinandersetzung Anlass. Die innere Wahrnehmung, vermöge 
deren wir feststellen, was in uns geschieht, kann einen zweifachen 
Sinn haben. Wir haben bei diesem Begriff zu unterscheiden zwi¬ 
schen unmittelbarem Erleben, unmittelbarer Erfahrung und dem 
Wissen von derselben oder der Reflexion über das Gegebene. Jenes 
ist die eigentliche Quelle für alles Thatsächliche, dieses das Mittel 
unsere Erfahrungen zu verallgemeinern. Setzen wir voraus, dass 
sich im Laufe der Entwicklung Begriffe und Worte für die ein¬ 
zelnen inneren Zustände gebildet haben. Die innere Wahrnehmung 
der zweiten Art besteht dann in der Subsumtion eines bestimmten 
Vorgangs unter den zugehörigen Begriff. Diese Subsumtion braucht 
nicht in einem vollständigen Urtheil zu geschehen, meist wird 
sie sich als bloße Namengebung vollziehen. An der Thatsäc-h- 
lichkeit einer Erscheinung kann dadurch nichts geändert werden. 
Ist daher ein unmittelbares Erlebniss in mir constatirbar, welches 
weder mit einer Empfindung noch mit einem Gefühl verglichen 
werden kann, so wird die innere Wahrnehmung dasselbe durch 
eigenen Begriff und Namen auszeichnen. »Ich will« bedeutet 
also nicht allein ein bejahendes Urtheil, sondern zugleich ein sich, 
in mir vollziehendes eigenthümliches Erlebniss, und aus dem Auf¬ 
treten jenes Urtheils darf ebenso wenig gefolgert werden, dass 
weiter nichts der Handlung vorausgehe, wie aus dem unwillkür¬ 
lichen Ausbruch in die Worte: »Freude, schöner Götterfunke« etc., 
wenn man lebhaft freudig erregt ist, geschlossen werden darf, 
dass nichts weiter in uns vorgehe, als die Reproduction eines 
Verses.
        

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