Bauhaus-Universität Weimar

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die rechte Hand bevorzugte, während gemäss der v. Meyer'sehen Auffassung 
doch dort die linke Seite bevorzugt sein müsste. So gilt denn dieser Vorzug 
der Rechten ganz allgemein und muss empfunden worden sein ehe alles 
Hinaufschauen begann. Die Benennung der Weltseiten nach den Körperseiten 
war deshalb, als der Mensch die Sonne als die Spenderin alles Lehms erkannt 
hatte, das Natürliche. Ja, wir brauchen uns nicht einmal mit diesen Vernunft¬ 
schluss zu begnügen. Denn die vergleichende Sprachforschung hat uns bereits 
gezeigt und erkennen lassen, dass der sich entwickelnde Mensch üterhaupt mit 
den Namensgebungen bei seinem Körper begann und das an diesen sprachlich 
Gewonnene darauf nach aussen übertrug. Die Zahlworte sind, nachdem der 
Begriff der Zwei gewonnen war, wozu die Paarigkeit der Gliedmaassen früh ge¬ 
leitet haben muss, von den Fingern oder vom Körper überhaupt auf den los¬ 
gelösten Begriff des Messens von Mehrheiten übergeführt worden. .Kokosnüsse 
drei Mann“ zählen noch einzelne Natursöhne, die zu den Schiffen in der Südsee 
Früchte bringen. „Zwei sind (noch) gebogen“ bedeutet Drei bei anderen. Auch 
in unseren eigenen Zahlwörtern steckt in der Tiefe, die zum Teil etwas erhellt 
ist, die Fingerreihe. „Mata“ heisst ferner bei den Maori auf Neuseeland das 
Auge, aber auch das Gesicht, und „Matarilci“, das „kleine Gesicht“, nennen sie 
die Plejadcn (vergl. „Weltall“ Heft 21). Sie bilden auch Ableitungen von „Mata“, 
wie z. B. „Mata ara“, buchstäblich „Auge (auf dem) Weg“ für „wachen“, „Wache 
stehen“. Die Steine Messen in einer anderen Sprache die „Knochen des Weges“, 
die Quelle heisst arabisch „Ain“, genau wie das Auge, und so weiter. So dürfen 
wir es denn als den Ausfluss eines uralten Sprachbildungsverfahrcns ansehen, 
dass man auch vor der sich erhebenden Sonne die Weltseiten nach den Körper¬ 
seiten, die schon längst ihre Namen hatten, benannte. 
War aber einmal der Sonnenkultus zu einer höheren Bedeutung gelangt, 
so war die Oststellung bei feierlichen und auch nur ernsten Handlungen etwas 
durchaus Begreifliches. Gegen den Aufgang gewandt sehen wir den alten 
Indogermanen bei allen wichtigen Handlungen stehen. Dass es Mohamed nicht 
schwer wurde, bei seinen Hamiten an die Stelle der parallelen östlichen 
Richtung die strahlige nach Mekka einzuführen, scheint mir nur zu zeigen, 
dass bei ihnen die Ostrichtung nicht tief eingewurzelt war. Vielleicht soll 
der Mythus von Flam, Sem und Japhet das ausdrücken. Er könnte bedeuten, 
dass die Hamiten sich nicht beteiligen gewollt an der Anerkennung der Ost¬ 
wendung, während die anderen Stämme, rücklings hinzuschreitend (nicht „weg- 
sclireitend“, wie v. Meyer annimmt) dazu bereit waren. Den Italienfahrern unter 
den Lesern möchte hier die Darstellung der angeblichen häuslichen Szene, die 
im Campo santo in Pisa einen herrlichen Wandschmuck bildet, einfallen, mit 
dem Malcrscherz, der die eine gar zu neugierige Tochter des Patriarchen durch 
die Finger gucken lässt. La vergognosa di Pisa, die Schämige von Pisa, heisst 
die Kleine durch ganz Italien. 
Bei den Indogermanen ist aber dann die aus uralt ehrwürdiger Zeit her¬ 
stammende Ostschau erhalten geblieben; die Richtung der Tempelachsen, die Lage 
im Grabe, gelegentlich die Stellung beim Gebet, alles das spricht für die Ererbung
        

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