Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die mechanischen Naturkräfte und deren Verwendung
Person:
Reuleaux, F[ranz]
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39834/13/
9 
das unten geschöpfte Wasser nach oben und entleeren es in die deutlich 
auf dem Bild erkennbare Rinne. Sechs solcher Räder, jedes 80 englische 
Fufs oder 241/3 Meter hoch, versorgen die einst unter dem Namen 
Epiphania bekannte Stadt mit Trinkwasser. Solch ein Rad stellt ein 
geschäftliches Unternehmen dar; jedes derselben ist im Besitz einer 
Gesellschaft: für Ausbesserungen sollte die Besitzerin unseres Rades 
mehr thun, das läfst unser Bild erkennen. Kleinere derartige Räder 
sind in Spanien noch sehr verbreitet, kommen aber auch hier und da 
an kleineren Flüssen bei uns vor und dienen zur Wiesenbewässerung. 
Stellt man sich die grofse Verbreitung der Schöpfräder im Alter¬ 
tum vor, so versteht man bald, dafs man schon früh Veranlassung 
nehmen konnte, sie auch zu anderen Kraftzwecken zu benutzen; so 
zum Betrieb der Mühlen. Wir wissen, dafs dies schon vor dem An¬ 
fang unserer Zeitrechnung geschah und rasch allgemein wurde; vier¬ 
gängige Mahlmühlen mit oberschlächtigem Wasserrad kamen schon 
früh vor.2) Leicht begreift sich, dafs man bald auf den Gedanken 
kam, dem Rade das Wasser vom Flufs aus in einem Kanal, dem 
Obergraben, zu- und durch einen Untergraben abzuleiten, aber auch, 
dafs man nach einiger Zeit darauf verfiel, andere technische Arbeiten 
durch seine Vermittelung ausführen zu lassen. Lastenförderung, 
Pumpenbetrieb in allerlei Formen, Gebläsebewegung für Hüttenwerke, 
Stampferbetrieb für ebensolche und später auch für Pulvermühlen, 
auch für Papierzeug und für Walkereien; ja auch der Spinnerei¬ 
betrieb schloss sich allmählich im Laufe der Jahrhunderte an. 
Unter der alten Londonbrücke hieng ein Wasserrad neben dem 
anderen; Mainz und Erfurt führen es wohl nur wegen der Mühlen im 
Wappen: das Wasserrad war so überhaupt die mechanische Umtriebs¬ 
maschine für die sich entwickelnde Industrie geworden.3) 
*) Dafs es oberschlächtig war, bezeugt ein erhaltenes altgriechisehes Ge- 
dichtchen, worin es von den Nymphen heifst: 
Hüpfend stürzen sie sich „über das i'ollende Rad“, 
oder in lateinischer Wiedergabe: 
Hae autem in summam salientes rotam. 
3) „Sehr schön, ja wunderschön,“ heifst es in der Beschreibung einer 
„Spinnfabrik“ vom Jahre 1621, „ist eine Spinnwerkstatt mit Wasserbetrieb, da 
man in ihr so viele Bewegungen von Rädern, Spindeln, Scheiben und anderen 
Holzkörpern sieht, die quer, oder der Länge nach oder schief bewegt werden, 
so viele, dafs der Blick sich verstrickt findet in dem Gedanken, wie doch der 
menschliche Geist eine solche Mannigfaltigkeit von Teilen, so viele einander 
entgegenstehende Bewegungen mit dem Verstand gefafst haben könne, alle 
betrieben von einem einzigen Wasserrade, das seelenlos sejne Bewegung voll* 
zieht “ — Es hegt etwas Rührendes in diesem „seelenlos“, eine Art von Ver¬ 
zicht des freien Willens vor der Maschine.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.