Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Orgel unserer Zeit. Ihre Entwickelung, Construction, Prüfung und Pflege. Ein Handbuch für Orgelbauer, Orgelrevisoren, Organisten, Seminar-Musiklehrer, Lehrer, Musikstudirende, Geistliche, Kirchenvorsteher, Kirchenbaubeamte etc. etc.
Person:
Reiter, Moritz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39814/55/
Raum, in welchem die Orgel stellt. 
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geringer Prozentsatz diese Eigenschaft 
Betrachten wir uns solche sogenannte akustisch günstige Räume, 
so finden wir meist garnichts Eigentümliches an ihnen, weder was Di¬ 
mensionen noch Formgestaltung betrifft. Pis kommt tatsächlich vor, dass, 
wenn nach einem vorhandenen, akustisch günstig wirkenden Raume als 
Vorbild, ein zweiter ganz ähnlicher Raum gebaut wird, dieser akustisch 
ungünstig wirkt. Wir müssen mithin gestehen, dass wir über die Bedin¬ 
gungen, die notwendig sind, einen für die Klangwirkung günstigen Raum 
zu schaffen, noch zum grössten Theile im Unklaren tappen, und dass wir es 
meist zu neunzehntel dem Glückszufall überlassen müssen, bei einem Neubau 
einen solchen Raum zu erhalten. Was wir bis jetzt über die Construction 
akustischer Kirchen, Musik- und anderer Säle wissen, soll hier mit kurzen 
Worten gesagt werden. Ein eingehendes Studium dieser Bedingungen ist 
Sache des Baumeisters, aber es ist für den Orgelbauer, den Organisten etc. 
immerhin gut, wenn auch er bis zu einem gewissen (trade über diese 
Materie informirt ist. 
Ziehen wir eine grössere Anzahl akustisch günstiger Kirchen und 
anderer dergleichen Räume in Betracht, so finden wir zuerst, dass die 
Mehrzahl derselben ihre Entstehung alten Zeiten verdankt, und dass von 
den modernen Bauten nur ein 
aufweist. Eine Erklärung hierfür existirt bis jetzt nicht. 
Betrachten wir die Stylarten, in welchen diese Baulichkeiten ausge¬ 
führt sind, so finden wir, dass akustisch sehr vortheilhafte Räume in der 
Mehrzahl romanischen Styl aufweisen, dass auch neuzeitliche romanische 
Bauten oft eine vorzügliche Akustik haben. Der got bische Styl zeigt 
sich als für eine gute Akustik wenig vortheilhaft. Es gibt unter deu 
älteren gothisehen Kirchen verschiedene, die allerdings eine schöne Akustik 
haben, aber es gibt auch eine grosse Anzahl, die akustisch so ungünstig 
wirken, wie die Mehrzahl unserer neuen gothisehen Kirchen. Der 
Renaissanee-Styl hat im Grossen und Ganzen nicht ungünstige Resultate 
aufzuweisen, ln den alten Stylarten aufgeführte Räume sind, wenn sie 
nicht Kuppeln haben, zu einem ziemlichen Theile akustisch günstig. 
Was die Form der Räume betrifft, so ist das längliche Viereck, wenn 
es nicht übermässige Höhendimensionen hat, wohl der akustischen Wirkung 
am günstigsten. Läuft es an einem Ende in eine runde Nische aus, so 
wirkt diese in einzelnen Fällen nachtheilig, in einzelnen sonderbarer Weise 
auch wieder vortheilhaft; Ursache unermittelt. 
Räume von unregelmässiger Form sind, wenn sie nicht zu gross, 
meist akustisch vortheilhaft wirkend, über Räume von complicirterer Form, 
Kirchen in Kreuzform und mit Anhängseln versehen, lässt sich nur sagen, 
dass man von vornherein auch nicht den geringsten Anhalt hat, wie sie 
wirken werden. 
Es gibt unter ihnen solche von vorzüglicher akustischer Beschaffen¬ 
heit, oft aber ist ihre Akustik auch wiederum nicht günstig. 
Eiförmige, also aus einer längeren oder kürzeren Elypse bestehende 
Räume wirken immer akustisch schlecht. 
In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts glaubten die Bau¬ 
meister in dieser Form die Lösung des akustischen Räthsels gefunden zu 
haben. Der Erfolg hat ihnen bewiesen, dass sie allerdings eine Lösung, 
aber eine negative, erzielt hatten. Der beste Beleg hierfür ist die von 
Klenze erbaute, 1822 vollendete protestantische Kirche zu München.
        

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