Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Orgel unserer Zeit. Ihre Entwickelung, Construction, Prüfung und Pflege. Ein Handbuch für Orgelbauer, Orgelrevisoren, Organisten, Seminar-Musiklehrer, Lehrer, Musikstudirende, Geistliche, Kirchenvorsteher, Kirchenbaubeamte etc. etc.
Person:
Reiter, Moritz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39814/23/
Historisches über die Orgel. 
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lieh dadurch wird, dass zur selben Zeit das Zinn sich als Material zu 
Ess- und Trinkgeschirr allgemein einbürgerte, man die Bearbeitung des¬ 
selben gründlich kennen lernte und auf die grossen Vortheile aufmerksam 
wurde, die es dem Kupfer gegenüber zu diesem Zwecke bot. 
In dieselbe Zeitperiode fallt auch noch das gänzliche Verschwinden 
der Wasserorgel als Privat-Musik-Instrument zur weltlichen Erheiterung 
und es treten an deren Stelle zu demselben Zwecke kleine, tragbare 
Balgorgeln.*) 
1312 wurde durch einen .deutschen Meister, dessen Name bis 
jetzt nicht ermittelt ist, auf Kosten eines Patriziers Marinus Sanutus 
(Sanudo), genannt T or ce 1 lus, die erste Orgel zu Venedig und zwar 
in der Kirche des heil. Raphael erbaut. Es ist bis jetzt noch nicht sicher 
festgestellt, ob dieser Sanutus seinen Beinamen Torcellus von den Orgeln 
erhalten hat, die kurz nach dieser Zeit in Italien fast allgemein Tor- 
ceilos genannt wurden, oder, ob die Orgeln von ihm diesen Namen er¬ 
halten haben. 
Im Jahre 1350 wurde eine Orgel von 22 Tönen zu Thorn von einem 
Mönche, dessen Name ebenfalls bis jetzt nicht bekannt ist, erbaut. 
In die zweite Hälfte des genannten Jahrhunderts fällt die Umwand¬ 
lung der Faust-Claviaturen in solche, die mit den Fingern zu spielen sind, 
sowie auch das Beginnen der Einfügung der chromatischen Tasten in die 
C-laviatur, ein Beweis, dass nun die Ventile schon allgemein eingeführt 
sein mussten, weil bei dem damaligen niedrigen Stande der Technik dies 
mit Spielschleifen wohl nicht möglich gewesen wäre. 
Im Jahre 1361 wurde von Nicolaus Faber, einem Priester, für 
den Dom zu Halb er stadt eine grosse Orgel mit 14 diatonischen und 
8 chromatischen Tasten von H bis a, (hat wahrscheinlich das untere cis 
gefehlt), gebaut. Das H soll 31 Fuss lang gewesen sein und 3‘4 Zoll im 
Durchmesser gehabt haben; was für Fussmaass ist nicht gesagt. Diese 
Angaben, so oft sie auch abgeschrieben worden, sind entschieden irrthümliche. 
Ist die Pfeife 31 Fuss lang gewesen und seien die Fusse auch noch so 
kleine gewesen, so kann sie niemals H gewesen sein, sondern ist eine viel 
tiefere Pfeife gewesen. Der Durchmesser von 3l4 Zoll dürfte eher zu dem 
11 passen. Die Orgel hatte 4 Claviere und Pedal für Fäuste und Pässe. 
Die Angabe rührt von Praetorius her. Andererseits wird behauptet, dass 
die Orgel erst im folgenden Jahrhundert nach ihrer Erbauung mit einem 
Pedal versehen worden sei. Da dem Dome zu Halberstadt, der 1173 ab¬ 
gebrannt, seit seinem Wiederaufbaue im Anfänge des dreizehnten Jahrhun¬ 
derts irgend welches Unglück nicht zugestossen und da derselbe noch heute 
in seinem Schatze die wunderlichsten Dinge enthält, so ist auch mit zienv 
licher Bestimmtheit anzunehmen, dass sich über die Fabersche Orgel noch 
urkundliches Material auffinden lassen dürfte. 
*) Wenn wir in späterer Zeit wieder von Wasserorgeln lesen, wie z. B. im „Sa¬ 
lomon de Cans“, oder im „Mittag“, (Wasserorgel zu Bornheim, olmweit Potsdam), so 
sind dies grosse plumpe orchestrionartige Spielwerke, deren \\ alze sowohl gedreht, wie 
auch deren Bälge aufgezogen wurden durch eine mechanische Vorrichtung, die durch 
die Kraft eines Wasserrades (gewöhnlichen Mühlrades) in Bewegung gesetzt wurde. 
Es sind uns noch mehrere Zeichnungen solcher Wassermusikwerke aus dem 15. und 
lß. Jahrhunderte erhalten.
        

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