Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Orgel unserer Zeit. Ihre Entwickelung, Construction, Prüfung und Pflege. Ein Handbuch für Orgelbauer, Orgelrevisoren, Organisten, Seminar-Musiklehrer, Lehrer, Musikstudirende, Geistliche, Kirchenvorsteher, Kirchenbaubeamte etc. etc.
Person:
Reiter, Moritz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39814/22/
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Historisches über die Orgel. 
Ob diese Orgeln Tasten hatten, ist sehr fraglich. Es scheint, als ob 
die Schleifen, auf denen in vielen Fällen schon mehrere Pfeifen, zu einem 
Ton gehörig, gestanden haben mögen, von dem Organisten nur hin und 
hergeschoben wurden. Hin und wieder hatte man auch Doppelorgeln, die 
zweimal 10 bis zweimal 15 Töne hatten und die von zwei Organisten 
zu gleicher Zeit bedient wurden, wodurch eine Art mehrstimmiges Spiel 
möglich geworden sein mag. Wie der Ton dieser Orgeln gewesen, in welcher 
Tonhöhe sie gestanden, davon haben wir keine Vorstellung. Die Doppel¬ 
orgeln jedoelp welche immerhin nur vereinzelt vorgekommen sein mögen, 
sehen wir sehr bald wieder verschwinden. Das Princip, auf einem Tone 
immer mehr und mehr Pfeifen zu vereinen, gewinnt die Oberhand. 
Von hier ab werden die Nachrichten, die wir bis jetzt über Orgeln 
für die Zeit der nächsten zwei Jahrhunderte haben, äusserst dürftig, und 
hat auch hier die Forschung Vieles nachzuholen. 
1120 baute van Os eine Orgel für die Nicolas-Kirche zu Utrecht. 
1174 verbrannte die Cathédrale zu Canterbury. Der Mönch Ger- 
vase, der über diesen Brand schreibt, theilt in dürftigen Worten mit, 
dass die Orgel mit verbrannt sei. 
1260 soll Ulrich Engelbrecht, ein Dominikaner, die erste Orgel 
für das Münster zu Strassburg i. Eis. erbaut haben. Dies hat historische 
Glaubwürdigkeit nicht recht für sich, da durch die verschiedensten Feuers¬ 
brünste der Jahre 1140, 50, 76 und 80 das alte, von dem Bischof 
Werner aufgeführte, Münster so beschädigt war, dass man einen Neubau 
plante, der "auch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts begonnen 
wurde. Erst im Jahre 1275 und zwar am 7. September wurde der mitt¬ 
lere Bau der oberen Gewölbe und des ganzen Werkes, ausser den vor¬ 
deren Thürmen, vollendet. Nun ist es doch unwahrscheinlich, dass man 
eine Orgel gebaut haben sollte, ehe die Gewölbe geschlossen waren. — 
In diese Zeit fallen mehrere wichtige Vervollkommnungen in der 
Orgelbaukunst. Mit der Vermehrung der Anzahl der Pfeifen auf einem 
Tone, die zuerst nur aus Octaven und Gleiehklingern bestanden, fanden sich 
die Quinten und Terzen in der Orgel ein, die aber nicht, wie bei unseren 
jetzigen Orgeln, zur Verschärfung des Grundtones beigetragen zu haben 
scheinen, sondern die wohl vollständig selbstständig auftraten und be¬ 
wirkten, dass die einzelne gezogene Tonschleife nicht mehr einen, wenn 
auch durch Octaven verstärkten Ton, sondern einen Accord angab. Hier¬ 
durch wurde der zweite Organist entbehrlich und man konnte durch Be¬ 
wegen einzelner Tonschleifen nach einander eine Melodie aut eine schein¬ 
bar harmonische Art begleiten. 
In dieselbe Zeit fällt wahrscheinlich auch die Erfindung der Ventile. 
Es wäre von grosser Wichtigkeit, wenn sich hierüber etwas Näheres er¬ 
mitteln liesse. Die Erfindung der Ventile fällt mit dem Vorkommen von 
herunterdrückbaren Claves nicht zusammen, denn die damaligen Claves, 
die, wie es scheint, bis zum elften Jahrhundert zurückreichen, waren so 
ungeschickt gross und breit, dass man sie nur mit ganzer Faust regieren 
konnte. Diese Claves konnten ebenso gut Schleifen hin und herschieben, 
welche von einer Feder, die sogar von Holz sein konnte, in die Verschluss¬ 
lage zurückgeschoben wurden. 
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Ferner fällt in dieselbe Zeit die Verdrängung des Kupfers als Pfeifen- 
aterial durch das Zinn resp. die Zinn-Blei-Legirungen, was sehr erklär-
        

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