Bauhaus-Universität Weimar

96 
Eduard Sievers. 
[32 
treffen wir ein Hinaufziehen nach dem Brustkorb zu; bei V und VI 
eine starke seitliche Ausweitung des Brustkorbs, die bei V mit einem 
Muskelzug von hinten nach vorn (etwa von den Schulterblättern oder 
den mittleren Nackenpartien ausgehend) verbunden ist, bei VI mit 
einem Muskelzug in umgekehrter Richtung. Typus I—IV sind, wie 
Sie wissen, von Rutz selbst bestimmt, V und VI von mir hinzu- 
gefügt. 
Von Nebenarten fand Rutz ferner noch folgende: 
1. Den Gegensatz von großem und kleinem Ton, der sich 
nicht sowohl auf die Qualität als auf das «Volumen» der Stimme 
und ihre Tragfähigkeit erstreckt (und ja nicht mit dem Gegen¬ 
satz von Forte und Piano zu verwechseln ist: man kann auch 
pianissimo mit großem Ton singen und sprechen, und fortissimo mit 
kleinem Ton). Der große Ton ist an die Spannung des Epigastriums 
gebunden (d. h. des Muskels, der die sog. Magengrube, unterhalb 
des Brustbeins, deckt), der kleine Ton setzt Nichtspannung bzw. Er¬ 
schlaffung dieses Muskels voraus. Man kann sich das leicht durch 
Betastung der Magengrube kontrollieren (man vergleiche etwa groß- 
toniges Mit dem Pfeil dem Bogen [oben S. 90] mit kleintonigem Will 
sich Hektor ewig von mir wenden [ebenda]). 
2. Den Gegensatz zwischen warm und kalt. Diese Ausdrücke 
beziehen sich darauf, daß die Stimme im ersteren Fall 'wärmere5 
Anteilnahme, im zweiten 'kühlere5 Stimmung-zu verraten scheint. 
Die begleitenden Muskelaktionen sind verschiedener Art. Als Gro߬ 
beispiel für kalten Ton kann etwa Schillers Teil dienen, als Beispiel 
für warmen Ton dessen Jungfrau von Orleans. 
3. Die besondere Art des ausgeprägten Tones (Gegen¬ 
satz: schlicht), hervorgebracht durch Einziehen bzw. Vor Wölbung 
eines bestimmten Punktes etwa in der Nabelgegend. Die ausgeprägte 
Stimme hat einen etwas schärferen, sozusagen pointierten Klang. 
Beispiele finden sich z. B. bei Wolfram von Eschenbach im Titurel 
und den meisten seiner Lieder, neuerdings z. B. bei Bierbaum und 
Grisebach. 
4. Daneben wollte endlich Rutz noch einen weiteren wichtigen 
Gegensatz beobachtet haben, den er mit lyrisch und dramatisch 
bezeichnet; der besondere dramatische Klang soll mit gewissen 
Muskelspannungen im Rücken (etwa in der Kreuzgegend) Zusammen¬ 
gehen. Ich halte das für falsch. Ich kenne zwar die gemeinten 
Aktionen der Rückenmuskeln sehr wohl und habe sie oft genug be¬ 
obachten können; sie treten aber meines Wissens nie bei wirklicher
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.