Bauhaus-Universität Weimar

Ziele und Wege der Schallanalyse. 
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Darüber war die alte Meinung nun die, daß man die bei der 
Klanggebung speziell beteiligten Organe besonders 
«üben» müsse, also der Sänger oder Sprecher seinen Stimmapparat 
(einschließlich der Atmungsorgane), der Klavier- oder Geigenspieler 
seine Arm- und Handmuskulatur, und dergleichen mehr. Und un¬ 
zweifelhaft ist daran viel Wahres. Aber ebenso unzweifelhaft reicht 
jene alte Lehrmeinung nicht aus, um den Ausübenden in jedem Fall 
zur denkbar höchsten Leistung zu bringen. Bleiben wir nur einmal 
etwa beim Sänger stehen, so wird man, mit Benutzung unseres 
alten Kriteriums von Frei und Unfrei (S. 70), wohl ohne Übertreibung 
sagen dürfen, daß oft auch ganz hervorragende Künstler nicht im¬ 
stande sind, gewisse Sachen, die ihnen, wie man sagt, «nicht liegen», 
mit vollkommen freier Stimme zu singen, auch wenn sie Becking- 
und Taktfüllkurve richtig einhalten. Ja, ich glaube nach ziemlich 
umfangreichen Beobachtungen nicht irre zu gehen, wenn ich meine, 
daß vielleicht die große Mehrzahl der ausübenden Künstler höchstens 
eine unvollkommene Vorstellung davon hat, was ein physiologisch 
wirklich «freier» Ton sei. Und diese Sachlage gibt zu denken, denn 
sie weist uns offenbar wieder aus dem Gebiet des rein Ästhetischen 
hinüber auf das Gebiet des Physiologischen und seiner psychischen 
Grundlagen, denn Freiheit und Gehemmtheit sind in erster Linie 
psychisch-physiologische und nicht ästhetische Gegensätze, wenn wir 
auch gern zugeben, daß Unfreies auch in ästhetischer Beziehung 
schlechter würkt als Freigebildetes. Und wenn man weiter daran 
denkt, über welche schier unglaubliche Technik unsere ausübenden 
Künstler oft verfügen, ohne deshalb je zu völlig freier Klangbildung 
zu gelangen, so wird man, scheint mir, notgedrungen wieder zu dem 
Schluß geführt, daß es neben der Spezialtechnik des bloßen 
Stimmorgans (einschließlich der Atemtechnik) für den Sprecher 
und Sänger, neben der Spezialtechnik in Anschlag, Strichusw. 
für den Spieler noch ein weiteres Element der Klang¬ 
erzeugung geben müsse, das die bisherige technische Praxis noch 
nicht genügend erkannt und daher auch nicht genügend zu ver¬ 
werten gelernt hat, und dieses X muß nach dem Angedeuteten 
denn doch wohl auch wieder auf dem Gebiet des Psychisch- 
Physiologischen gesucht werden. Wo aber ist es dann zu 
finden, und welche Mittel und Wege gibt es, die uns auch zur 
praktischen Verwendbarkeit führen, wenn es einmal gefunden ist, 
ganz abgesehen von dem rein theoretischen Wert, den die etwa zu 
gewinnende neue Erkenntnis für den Forscher als solchen hat?
        

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