Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sirenen. Ein Beitrag zur Entwickelungsgeschichte der Akustik. Teil 3
Person:
Robel, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39802/29/
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und verhältnismäfsig wenig fremdartige Geräusche enthalten1 *). Zu diesem Zwecke konstruierte er 
einen aus acht Stimmgabeln bestehenden Apparat, zu dessen Herstellung ihm der König Maximilian 
von Bayern die erforderlichen Mittel in freigebigster Weise bewilligt hatte. Diese Stimmgabeln, 
deren Grundtöne dem grofsen B und seiner sieben harmonischen Obertöne entsprachen, wurden 
durch intermittierende elektrische Ströme in Schwingungen versetzt, und, um reine und starke 
einfache Töne zu erhalten, in nächster Nähe von Resonanzröhren aufgestellt. Um der¬ 
artige Untersuchungen auch nicht musikalischen Beobachtern unter allen Umständen zu ermög¬ 
lichen, machte Helmholtz, gestützt auf seine kurz zuvor entwickelte Theorie8) der Luftschwin¬ 
gungen in Röhren mit otlenen Enden, hierbei zum ersten Male auf die kugeligen, mit 
einem Fortsatz versehenen und in den Gehörgang einselzbaren Resonatoren aufmerksam. Indem 
er nun ausdrücklich absah von der verschiedenen Weise, wie die Klänge verschiedener Instru¬ 
mente und Stimmen anheben oder ausklingen, ferner von den mancherlei sausenden, kratzenden, 
knarrenden, unregelmäfsigen Geräuschen, welche viele derselben begleiten, und die nicht eigent¬ 
lich zu dem musikalischen Teile des Tones zu rechnen sind, definierte er als „musikalische 
Klangfarbe“ des Tones den Teil der Klangfarbe, der von den genannten Nebenumständen nicht 
abhängt; und das Resultat seiner Untersuchungen fafste er dahin zusammen, dafs die musika¬ 
lische Klangfarbe nur abhängt von der Anwesenheit und Stärke der Nebentöne, die in dem 
Klange enthalten sind, nicht von ihren Phasenunterschieden“3). 
Diese letzte wichtige Thatsache, dafs die Phasenunterschiede der Stimmgabeln ohne 
Einflufs auf die Vokalbildung waren, bestimmte Helmholtz, eine für die weitere Entwicke¬ 
lung der physiologischen Akustik bedeutsame Hypothese aufzustellen. Er nahm an, dafs 
jede Nervenfaser des Hörnerven für die Wahrnehmung einer besonderen Tonhöhe bestimmt 
sei und in Erregung komme, wenn derjenige Ton das Ohr trifft, welcher der Tonhöhe des 
mit ihr verbundenen elastischen Gebildes (Cortisches Organ oder Borste in den Ampullen) ent¬ 
spricht. Danach würde sich die Empfindung verschiedener Klangfarben darauf reduzieren, dafs 
gleichzeitig mit der Faser, welche den Grundton empfindet, gewisse andere in Erregung ge¬ 
setzt werden, welche den Nebentönen entsprechen. Diese einfache Erklärung würde nicht 
gegeben werden können, wenn die Phasenunterschiede der tieferen Nebentöne in Betracht kämen. 
Welche wichtige Folgerungen hatte das Genie eines Helmholtz in so kurzer Zeit aus der 
Ohmschen Theorie gezogen, nachdem er sich von der Richtigkeit derselben überzeugt hatte! Den 
zwischen Ohm und Seebeck geführten Streit aber entschied er mit folgenden Worten4): „Läfst 
man alles, was Seebeck in dem Streite mit Ohm behauptet hat, vom Klange gelten, und was Ohm 
behauptet hat, vom Tone, so sind beide ausgezeichnete Akustiker mit ihren Behauptungen im 
Rechte, und beide Behauptungen können ungestört nebeneinander bestehen.“ 
Dafs den Helmholtzschen Untersuchungen und Schlüssen trotz ihrer Schärfe und Evidenz 
doch nicht ohne weiteres von den Anhängern der Seebeckschen Theorie zugestimmt wurde, bewies 
i) Diese Erkenntnis dürfte auch Cagoiard de la Tour bewogen haben, bei seinen Sirenenversuchen über 
die Natur des Klanges sein Augenmerk auf die menschliche Stimme zu richten, cfr. Teil I, p. 17. 
’) Crelle Journal LVII (1859), p. 1—72. 
3) Die Phasenunterschiede der nach der optischen Methode von Lissajous kontrollierten Stimmgabeln 
brachte Helmholtz auf verschiedene Weise hervor: entweder durch Umkehrung der Stromrichtung oder durch Ver¬ 
stimmen der Gabeln mit aufgeklebtem Wachs oder durch teilweisen Vcrschlufs der Resonanzröhren. 
4) Pogg. Ann. CVHI, p. 283.
        

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