Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sirenen. Ein Beitrag zur Entwickelungsgeschichte der Akustik. Teil 1
Person:
Robel, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39800/11/
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gestattet oder versperrt. Diese Unterbrechungen des Luftstromes erteilen nun der äufseren Luft 
eine regelmäfsige Folge von Slöfsen (chocs), welche hei grofser Geschwindigkeit der Scheibe „einen 
der menschlichen Stimme ähnlichen Ton“ erzeugen, dessen Höhe mit der Rotationsgeschwindigkeit 
der Scheibe zu- und abnimmt. Den Vorzug dieser Art von Tonerzeugung hei der Ermittelung der 
Schwingungszahl fafst der Erfinder in den Worten zusammen: „On voit que le but de cette con¬ 
struction a été de produire les chocs nécessaires à la formation du son, par un mouvement de 
rotation, lequel est très-facile à mesurer à l’aide des engrenages, tandisque le mouvement de „va“ 
et „vient“ des cordes et des anches vibrantes ne peut s’apprécier que par la théorie.“ 
Da der durch diesen Apparat hervorgebrachte Ton jedenfalls nur eine geringe Intensität hatte, 
so konstruierte Cagniard de la Tour eine zweite brauchbarere Form, indem er eine erhebliche 
Verstärkung des Tones dadurch erzielte, dafs er den die Stöfse erzeugenden Luftstrom gleichzeitig 
durch eine grüfsere Anzahl von Öffnungen, statt durch eine einzige, austreten liefs. Er brachte 
nämlich auf der Deckelplatte eines niedrigen cylindrischen Kupfergehäuses von 4 Zoll (= 10,828 cm) 
Durchmesser 100 auf einem Kreise liegende äquidistante Öffnungen von 1/4 Linie (== 0,56 mm) 
Breite und 2 Linien (= 4,5 mm) Länge an, welche zur Ebene der Platte schief gebohrt waren. 
Die Öffnungen wurden deshalb so schmal gemacht, damit die zwischen zwei benachbarten Öff¬ 
nungen liegenden Vollräume um so breiter ausfallen konnten, so dafs bei einer Rotation der 
Scheibe der Vorheigang ihrer Vollräume an den gegenüberliegenden Öffnungen des Deckels auf 
kurze Zeit jede Verbindung zwischen der in dem Gehäuse belindlichen Luft und der äufseren Luft 
unterbrach. Im Mittelpunkte des Deckels erhob sich eine vertikale Achse, um welche sich die 
zum Versehliefsen der Öffnungen dienende Scheibe drehen konnte, die genau auf die Deckplatte 
pafste, ohne jedoch eine starke Reibung auszuüben. Die um die feste Achse drehbare Scheibe 
war ebenfalls von 100 schief gebohrten, äquidistanten und den auf dem Deckel befindlichen kon¬ 
gruenten Öffnungen durchbrochen, so dafs hei einer Drehung der Scheibe alle Öffnungen des 
Deckels entweder zugleich geöffnet oder zugleich geschlossen wurden, je nachdem die Öffnungen 
oder die vollen Zwischenräume der Scheibe auf die Öffnungen des Deckels fielen. Übrigens waren 
die Öffnungen der Scheibe unter gleichem Neigungswinkel, aber im entgegengesetzten Sinne als 
die Öffnungen des Deckels gebohrt. Die schiefe Bohrung der Öffnungen ist zur Erzeugung des 
Tones nicht unbedingt erforderlich; sie hat nur den Zweck, dem von dem Blasebalg kommenden 
und von unten in das Gehäuse eintretenden Luftstrom die geeignete Richtung zu geben, wenn 
man ihn zur Drehung der Scheibe verwenden will. Sonst kann die Rotation auch durch irgend 
eine mechanische Vorrichtung hervorgebracht werden1). 
Bei den ersten Versuchen, welche Cagniard de la Tour mit diesem Apparate zur Ermitte¬ 
lung der absoluten Schwingungszahl von Tönen anstellte, wurde die Drehung der beweglichen 
Scheibe nicht durch den durch die Öffnungen streichenden Luftstrom, sondern durch ein Räder¬ 
werk bewirkt; dasselbe wurde durch ein niedersinkendes Gewicht in Gang gesetzt, welches an 
einer über eine bewegliche Trommel gelegten Schnur hing. Die Regulierung der Umdrehungs¬ 
geschwindigkeit wurde durch einen an der Achse der Scheibe befestigten Windfang bewirkt, während 
*) Eine Abbildung des Apparentes ist der Abhandlung nicht beigegeben; inan findet eine dieser Beschrei¬ 
bung entsprechende in dem Lehrbuch der Experimentalphysik von J. B. Biot, übersetzt von Fechner, (Leipzig, 
1829), Bd. II, Tafel VI, Nr. 53, welche in anderen Lehrbüchern und in Zeitschriften mehrfach wiedergegeben 
worden ist. 
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