Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/98/
95 
zuteilen, zur Ergründung des Welträtsels beizutragen, den Men-’ 
sehen einen Spiegel vorzuhalten, wie sie sein und wie sie nicht 
sein sollten. Man weist auf Dürer und Menzel, auf Goya, Klinger, 
Rops u. a. hin. 
Nun ist es ja richtig, dass wenn ein Maler einmal die Ab¬ 
sicht hat, durch den Inhalt seiner Kompositionen auf die Menschen 
zu wirken, er sich besonders gern des Stichels oder der Nadel 
bedienen wird, weil seine Gedanken durch sie eine weitere Ver¬ 
breitung finden können. Aber dass die graphische Kunst ihrer 
Natur nach zu einer gedankenhaften Auffassung hindränge, ist 
nicht richtig. Sie erreicht allerdings wegen ihrer Farblosigkeit nicht 
dieselbe Naturwahrheit wie die Malerei, aber darum strebt sie doch 
nach Illusion, wenn auch unter Anerkennung einer grösseren Zahl 
illusionsstörender Momente. Und es giebt unzählige Kupferstecher 
und Radierer, deren Werk sich inhaltlich kaum von der Malerei 
ihrer Zeit unterscheidet. Man denke z. B. an Schongauer und 
Dürer. Schongauer hat dieselben biblischen Szenen und Heiligen 
gestochen, die auch von der Malerei des 15. Jahrhunderts dar¬ 
gestellt worden sind. Und von Dürer weichen nur einige Stiche 
der Jugendzeit und die drei bekannten Blätter Ritter, Tod und 
Teufel, Melancholie und Hieronymus im Gehäus inhaltlich von 
dem ab, was in der Kunst des 16. Jahrhunderts gäng und gäbe 
war. Und auch in Bezug auf diese Blätter hat die neuere Forschung 
nachgewiesen, dass sie an gewohnte Gedankenkreise anknüpfen, 
inhaltlich gar nichts völlig Neues bieten. Böten sie es aber auch, so 
würden doch gerade sie lehren, dass auf diesem originellen Inhalt 
der Genuss, den sie gewähren, nicht beruhen kann. Denn sie 
sind jahrhundertelang bewundert und hochgeschätzt worden, ohne 
dass man ihren Inhalt oder wenigstens ihren tieferen Sinn ver¬ 
standen hätte. Bildet man sich wirklich ein, das Blatt Ritter, Tod 
und Teufel könne künstlerisch nur dann genossen werden, wenn 
man wisse, dass der Geharnischte der Ritter Christi ist, den Erasmus 
als miles Christianus verherrlicht hat? Für den Kunsthistoriker 
ist die Ermittelung dieser Thatsache natürlich von grossem Wert, 
schon aus kulturhistorischen Gründen. Für den Ästhetiker ist 
höchstens das Allgemeinmenschliche, in diesem Falle also z. B. die 
Furchtlosigkeit und Stetigkeit des Ritters der geheimnisvolle Cha¬ 
rakter der Szenerie dasjenige Element des Inhalts, das er im Be¬ 
wusstsein haben muss, wenn er das Blatt ästhetisch geniessen will. 
Und bildet man sich wirklich ein, es käme für den ästhetischen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.