Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/90/
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im Inhalt sieht, diesen als die eigentliche Ursache des ästhetischen 
Genusses auffasst, so hat sie dabei zunächst an einige Künste nicht 
gedacht, bei denen sich diese Behauptung von vornherein als un¬ 
möglich erweist, nämlich die Musik, die Architektur, das Ornament, 
den Tanz und die Schauspielkunst. Was ist der Inhalt der Musik, 
d. h. natürlich nicht der Vokal-, sondern der Instrumentalmusik? 
Es wäre gewiss nicht leicht, dies mit Bezug auf eine Bachsche 
Fuge oder einen Straussschen Walzer anzugeben. Und wenn man 
musikalische Analysen einer Sonate oder einer Symphonie liest, 
so bemerkt man, abgesehen von den Fällen, wo es sich um Pro¬ 
grammmusik handelt, dass von einem eigentlichen Inhalt nie die 
Rede ist, sondern immer nur von einer Stimmung, einer Be¬ 
wegungsillusion, einem musikalischen Charakter, einer Form. Ge¬ 
rade auf dem Inhalt kann also das Wesen dieser höchsten und 
reinsten Gattung der Musik, der „absoluten“ Musik nicht beruhen. 
Was man aber in der Vokalmusik Inhalt zu nennen pflegt, ist gar 
nicht der Inhalt der Musik, sondern der Worte, die ihr zu Grunde 
liefen. Natürlich müssen sich die Töne dem Charakter dieser Worte 
anpassen. Aber dann beruht doch ihre Schönheit nicht auf dem In¬ 
halt derselben, sondern auf der Angemessenheit der Form an diesen 
Inhalt. Das Gefühl für den Stimmungsgehalt der musikalischen 
Formen, die Gefühls- und Bewegungsillusion ist es, die den Hörer 
in allen diesen Fällen in Fust versetzt. In der reinen Instrumental¬ 
musik giebt es eigentlich gar keinen Inhalt, sondern nur ein Ver¬ 
hältnis der Formen zu allgemeinen Stimmungen, Gefühlen, Be¬ 
wegungsvorstellungen u. s. w. Will man hier von einem Inhalt 
sprechen, so kann man damit nur die Qualität der Gefühle und 
Bewegungen selbst meinen, denen die musikalischen Formen Aus¬ 
druck geben sollen. Wir haben aber schon gesehen (I 146), dass 
diese Qualität für die Schönheit der Musik gar nicht entscheidend 
ist, sondern dass sie an sich sowohl lust- als auch unlusterregend 
sein kann, da man sich bei ihrer Anschauung ja nicht einer sub¬ 
jektiven, sondern einer objektiven Gefühlsillusion hingiebt. 
Was ist ferner der Inhalt in der Architektur? Hier müssen 
wir zunächst den praktischen Zweck, die Bestimmung des Baues 
beiseite lassen, denn die Rücksicht darauf ist wie wir gesehen haben 
überhaupt nichts Ästhetisches, da sie ja bei jedem Handwerksprodukt 
beobachtet werden muss. Dass eine Kirche ein Haus Gottes oder 
ein Versammlungshaus der anbetenden Gemeinde ist, wissen wir 
natürlich, wenn wir sie ästhetisch anschauen. Aber dieses Wissen
        

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