Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/8/
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Ein weiteres Kennzeichen des Spiels, das mit der Kunst 
übereinstimmt, ist die B e wusstheit. Es giebt allerdings gewisse 
unbewusste Thätigkeiten, die sich dem Spiel nähern, wie das 
Wippen mit den Beinen, das Trommeln mit den Fingern, das 
Drehen von Brotkügelchen bei Tisch u. s. w. Aber gerade auf 
sie wenden wir in der Regel das Wort Spiel nicht an. Übrigens 
ist ja wie wir gesehen haben der Begriff Bewusstsein etwas 
Relatives und dementsprechend auch der Unterschied zwischen 
bewussten und unbewussten Thätigkeiten nicht so scharf wie man 
gewöhnlich annimmt. Man kann nur sagen, dass je bewusster 
eine Thätigkeit ist, umsomehr sie sich dem Spielcharakter nähert. 
Automatische Thätigkeiten wie die erwähnten vollziehen wir mit gar 
keiner oder einer sehr geringen Aufmerksamkeit. Ein wirkliches 
Spiel fordert, je höher es steht, eine um so strengere geistige Kon¬ 
zentration. Deshalb gilt uns auch das Lutschen der Kinder am 
Daumen, das Strampeln der Säuglinge mit den Beinen oder das 
Gröhlen kleiner Kinder nicht als Spiel. Das sind vielmehr instink¬ 
tive Thätigkeiten, und man kann sagen, dass sie sich um so mehr 
vom Spiel entfernen, je weniger bewusst sie ausgeübt werden. Kurz, 
wir reservieren den Namen Spiel für diejenigen Thätigkeiten, die 
mit der bewussten Absicht betrieben werden, einen Genuss herbeizu¬ 
führen, und zwar in einer ganz bestimmten geregeltenForm, durch die 
der Genuss dem Spieler möglichst garantiert wird. Gerade dies trifft 
aber auch für die Kunst zu, und wTir können auch in dieser Beziehung 
eine völlige Übereinstimmung beider Thätigkeiten konstatieren. 
Natürlich schliesst diese starke Betonung des Bewussten nicht 
aus, dass der Ursprung des Spiels und der Kunst ein instinktiver 
sei. Mag man nun unter Instinkt einen dem Menschen von einer 
höheren Macht eingepflanzten Trieb, gewisse Handlungen aus¬ 
zuführen, oder entsprechend den Lehren der Deszendenztheorie 
einen durch natürliche Auslese zweckmässig gewordenen Trieb 
nützliche Handlungen auszuführen verstehen, jedenfalls ist klar, 
dass Spiel und Kunst nur auf ihren niederen Stufen instinktiv, auf 
ihren höheren dagegen bewusst ausgeübt werden. Es ist aller¬ 
dings wahrscheinlich, dass das Individuum den Lustwert dieser 
Thätigkeiten nicht von vornherein kennt. Ihre erste Ausübung 
im Säuglingsalter ist also eine unbewusste oder instinktive. Aber 
andererseits ist es sicher, dass sie, sobald erst ihr Lustwert erkannt 
ist, mit Bewusstsein wiederholt werden, um dem Individuum den 
einmal gehabten Genuss von neuem zu verschaffen. So kann eine
        

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