Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/69/
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Kunst, nämlich die sinnliche erklärt, nicht die Illusion als Form 
ihrer Auffassung. Und von einer eigentlichen Entwickelung könnte 
man hier nur unter der Voraussetzung reden, dass durch jede 
Zeugung die Freude an den betreffenden Tönen und Farben 
grösser würde und sich auch in gesteigerter Weise auf die Nach¬ 
kommen vererbte. 
Am einfachsten ist immer noch die Erklärung vermittelst der 
natürlichen Auslese. Danach würde sich die Entwickelung etwa so 
erklären: diejenigen Individuen, die in ihrer Jugend viel gespielt 
haben, werden dadurch in ihrem reifen Alter tüchtiger für ihren 
Beruf, kräftiger, geschickter und gleichzeitig fortpflanzungsfähiger. 
Die Folge davon ist die, dass sie im Vergleich mit den anderen 
weniger Tüchtigen überleben und ihre Gaben in höherem Masse 
auf ihre Nachkommen vererben. Dadurch wird sich der Spiel¬ 
instinkt, die Freude an der bewussten Selbsttäuschung von Ge¬ 
neration zu Generation steigern, das Illusionsspiel vervielfältigen 
und vertiefen. Während es sich anfangs nur auf zwei oder drei 
elementare Instinkte erstreckte, dehnt es sich allmählich auf alle 
körperlichen und geistigen Thätigkeiten aus, die von einigem Wert 
für den Menschen sind. 
Ja die Konsequenz dieser Entwickelung würde die sein, dass 
die Illusion sich auch solcher Thätigkeiten, Vorstellungen und Ge¬ 
fühle bemächtigte, die keinen für den Menschen wichtigen und 
bedeutenden Inhalt haben. Es wird sich in der That schwer nach- 
weisen lassen, inwiefern die Illusion, die ein gemaltes Stillleben, 
ein Nocturne von Chopin oder ein Ornament erzeugt, irgendwie 
zur Erweiterung und Vertiefung des menschlichen Vorstellungs¬ 
und Gefühlslebens beitragen könne. Und das gilt von allen Künsten, 
deren Inhalt unbedeutend, gleichgültig oder gar von zweifelhafter 
Art ist. Legt man den Schwerpunkt auf den Inhalt und glaubt 
man, die Kunst sei in erster Linie des Inhalts wegen da, so ver¬ 
steht man nicht, wie sich ganze Kunstgattungen ausbilden konnten, 
bei denen der Inhalt völlig bedeutungslos ist. Geht man aber von 
der Illusionstheorie aus, so ist die Sache vollkommen klar. Wenn 
nämlich die Illusion wirklich von so grossem Werte für den Men¬ 
schen ist, wie aus der Analyse des Illusionsspiels hervorzugehen 
scheint, so ist es klar, dass die Ausbildung und Erhaltung der 
Illusionsfähigkeit an sich, ganz abgesehen von ihrem Inhalt im 
wesentlichen Interesse des Menschen liegt. Und deshalb wird er 
naturgemäss mit allen Kräften nach Illusion streben, sich diese,
        

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