Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/68/
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Bekanntlich hat schon Darwin die sexuelle Auslese für die Ästhetik 
nutzbar zu machen gesucht, indem er die Entstehung der Kunst, 
besonders der Musik und der Formen- und Farbenkünste auf sie 
zurückführen wollte. Er ging dabei von der eigentümlichen Er¬ 
scheinung aus, dass bei vielen Tieren, besonders Vögeln, der 
werbende Teil, d. h. das Männchen, die schönere Stimme und die 
reicheren glänzenderen Farben hat, und nahm an, dass bei der 
Paarung das Weibchen dasjenige Männchen bevorzuge, das seine 
Mitbewerber durch schöneren Gesang, bunteres Gefieder, lebhaftere 
Zeichnung u. s. w. übertreffe. Indem nun dieses mehr Gelegenheit 
habe, sich fortzupflanzen und die Lust an diesen Dingen wesentlich 
auch durch die Lust an der Fortpflanzung gesteigert werde, müsse 
durch die Übertragung von einer Generation auf die andere der 
Sinn für schöne Töne und Farben stets zunehmen, so dass er 
schliesslich zur Ausbildung der Musik, des Schmucks und der 
Ornamentik führe. Die Anfänge davon hätten wir im Tierreich, 
die Fortsetzung im Reiche des Menschen zu erkennen. 
Aber abgesehen von den Schwierigkeiten, die der Hypothese 
von der Entwickelung der einen Art aus der anderen entgegen¬ 
stehen, hat man gegen diese spezielle Anwendung der Theorie 
mit Recht eingewendet, dass das Weibchen thatsächlich eine 
solche Auswahl des Männchens nach ästhetischen Gesichtspunkten 
gar nicht vornimmt, sondern sich einfach dem rascheren und 
stärkeren Männchen ergiebt. Deshalb hat man die Bedeutung der 
geschlechtlichen Zuchtwahl schliesslich dahin abgeschwächt, dass 
man die Töne und Farben als Erkennungszeichen der Paare beim 
Locken und beim sonstigen Verkehr miteinander aufgefasst und 
angenommen hat, dass dadurch die Fortpflanzung erleichtert 
würde. Wäre diese Annahme richtig, so müsste man daraus 
schliessen, dass die ästhetische Lust an Tönen und Farben, wenn 
sie auch thatsächlich keineswegs immer im Zusammenhang mit 
sexuellen Gefühlen auftritt, doch ihren ursprünglichen Lustwert 
durch diesen Zusammenhang erhalten hätte. Und es liesse sich 
unter dieser Voraussetzung wohl verstehen, dass durch die fort¬ 
währende Verbindung des Zeugungsaktes mit der Wahrnehmung 
stark artikulierter Töne und bunter charakteristischer Farben¬ 
zusammenstellungen im Laufe der Generationen eine sinnliche Vor¬ 
liebe für bestimmte Tongruppen und Farbenzusammenstellungen 
entstanden sei, die auch ohne Hinzutritt des sexuellen Motivs einen 
starken Lustwert hätte. Doch wäre damit nur die eine Seite der 
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