Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/59/
besonders lebhafte Gefühlsillusion biologisch als Stellvertreterin für 
das wirkliche Gefühl eintreten kann. 
Danach könnte man nun freilich sagen, dass die bewusste 
Selbsttäuschung bei der Kunst eigentlich Nebensache, nur ein 
Mittel zum Zweck sei, da es bei dieser Erzeugung von Schein¬ 
gefühlen ja doch in erster Linie auf diese Gefühle selbst, also auf 
den Inhalt der künstlerischen Vorstellungen ankomme. Das ist 
allerdings in gewisser Hinsicht richtig. Die bewusste Selbst¬ 
täuschung ist im Grunde nichts als ein Vehikel, durch das die 
Gefühle, in der Form eines Ersatzes, dem Menschen mitgeteilt 
werden. Aber das Entscheidende dabei ist das, dass der un¬ 
mittelbare Lustwert des Kunstwerks thatsächlich wie wir 
gesehen haben nicht auf dem Inhalt, sondern auf der Illusion be¬ 
ruht. Allerdings ist es kein Zweifel, dass der letzte Zweck, der 
Enderfolg der Tragödie die Vertiefung des Gefühlslebens durch 
Erzeugung von Furcht und Mitleid und vielen anderen Gefühlen 
in der Vorstellung ist. Aber diese Gefühle an sich machen doch 
eben den Lustwert der Tragödie nicht aus, weil sie Unlust¬ 
gefühle sind. 
Das Amt der bewussten Selbsttäuschung ist also doch ein 
grösseres und wichtigeres als man gemeinhin annimmt. Denn 
erst sie ermöglicht es dem Menschen durch ihren eigenen über¬ 
wiegenden Lustwert sich ohne Gefahr für seine Seele auch der 
lebhaften Vorstellung solcher Gefühle hingeben zu können, die 
keine Lustgefühle sind. Und das ist deshalb sehr wichtig, weil 
der Mensch auch Unlustgefühle in sich entwickeln 
muss, wenn er seine volle Menschennatur ausleben 
will. Es ist eine Thatsache, dass wir zur Vervollständigung 
unseres Wesens und um uns im Kampf ums Dasein aufrecht 
zu erhalten, auch eine Gefühlsfähigkeit im schlechten Sinne, ge¬ 
nauer gesagt im Sinne der Unlust brauchen. Hass z. B. ist ein 
Gefühl, das der Mensch ohne Zweifel nötig hat, wenn er sich im 
Kampf ums Dasein aufrecht erhalten will. Das Christentum 
lehrt freilich das Gegenteil, und das war in der römischen 
Kaiserzeit und im Mittelalter, wo eine solche Fülle von Hass 
und Roheit und Egoismus in den Menschen steckte, ganz das 
richtige. In der Gegenwart aber, wo Hass und Intrigue zwar 
auch noch reichlich vorhanden sind, aber ein leisetretendes, vor¬ 
sichtiges und furchtsames Geschlecht, ein Geschlecht von halben 
und verkümmerten Existenzen jedes offene Wort verpönt, muss
        

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