Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/391/
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das Pflanzliche näher als das Mineralische. Kein Wunder, dass wir 
viele Bilder brauchen, durch die das Mineralische ins Pflanzliche, das 
Pflanzliche insTierische, dasTierische ins Menschliche übersetzt wird. 
Natürlich ist diese Steigerung nur da möglich, wo die Formen 
des wahrgenommenen Naturphänomens derart sind, dass sie dazu 
Anlass geben. Es muss eine Ähnlichkeit zwischen dem Wahr¬ 
genommenen und dem Vorgestellten vorhanden sein genau wie 
in der Kunst —, wenn eine Beseelung oder allgemein gesagt eine 
phantasiemässige Steigerung vorgenommen werden soll. Diese 
Ähnlichkeit ist in unserem Falle das senkrechte unvermittelte Auf¬ 
steigen des Felsens aus der Fläche. Diese Form ist die unmittel¬ 
bare Ursache der ästhetischen Anschauung, sie repräsentiert also 
in diesem Falle das Naturschöne. Die senkrechten Umrisse er¬ 
innern an die Bewegung des Steigens von unten nach oben oder 
an das gerade Aufgerichtetsein, und diese beiden Vorstellungen 
erinnern wieder an die Kühnheit. Jede dieser Vorstellungen ist 
gesetzmässig, d. h. infolge regelmässiger Erfahrung mit der anderen 
verbunden, d. h. es liegen hier die entsprechenden Assoziationen 
vor, die die ästhetische Anschauung ermöglichen. Die Assoziation 
ist auch hier die Voraussetzung der ästhetischen Anschauung. Die 
Verbindung der einzelnen Glieder im Bewusstsein des Hörers muss 
so eng sein, dass wenn die Wahrnehmung der Formen erfolgt, 
gleichzeitig die ästhetische Vorstellung entsteht, oder sie muss 
wenigstens so eng mit ihr verbunden sein, dass der Hörer ihre 
Verbindung, wenn der Dichter beide durch das poetische Bild 
gleichzeitig erzeugt, sofort empfindet. 
Ob freilich alle Menschen beim Anblick eines natürlichen 
Felsens ein solches Vorstellungsspiel vollziehen, ist mehr als zweifel¬ 
haft. Es giebt gewiss viele, die infolge geistiger Schwerfälligkeit 
nicht dazu im stände sind. Sie bedürfen, um diese Kombination 
scheinbar heterogener Vorstellungen vollziehen zu können, einer 
Hilfe. Die Menschen, die ihnen diese Hilfe leisten, nennen wir 
Dichter. Sie haben eine grössere geistige Beweglichkeit als die 
Masse, ihnen stehen jederzeit zahlreiche Assoziationen zur Ver¬ 
fügung, um die Dinge so lebendig und anschaulich auszudrücken, 
dass die anderen sie sich auch ohne unmittelbare Wahrnehmung 
deutlich vorstellen können. 
Neben der Steigerung des Wahrgenommenen in der Vor¬ 
stellung giebt es nun aber auch Fälle, wo der poetische Sprach¬ 
gebrauch eine Degradation desselben in sich schliesst. Wenn man
        

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