Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/386/
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allerdings eine ästhetische Beseelung der Natur. Sie ist ästhetisch 
aber nur so lange, als wir nicht an das, was wir uns vorstellen, 
glauben. Sobald wir dies thun, d. h. sobald wir den wirklichen 
Erlkönig und seine Töchter zu sehen glauben, die uns oder andere 
verfolgen, fühlen wir nicht ästhetisch. Gespenster sehen ist keine 
ästhetische Anschauung. Ein Kind, das nachts aufwacht und 
sein an der Wand hängendes vom Mond beleuchtetes Handtuch 
für ein Gespenst hält, empfindet nicht ästhetisch, hat überhaupt 
kein Lustgefühl, da es sich ja fürchtet. Erste Bedingung für den 
ästhetischen Genuss, den man an der Beseelung des Unbeseelten 
hat, ist, dass man Herr über die Situation bleibt, dass man sich 
der Verwechslung stets bewusst ist. Die Anschauung, die den Ge¬ 
nuss verursacht, ist also auch hier nichts anderes als eine be¬ 
wusste Selbsttäuschung. 
Diese Erkenntnis ist ungeheuer wichtig. Denn sie bewahrt 
uns davor, die mythischen Personifikationen, die Belebung der Natur 
mit Göttern, Nymphen, Faunen, Wald-, Quell- und Berggottheiten, 
die wir aus dem antiken Volksglauben kennen, für ästhetisch zu 
halten. Die mythenbildende Phantasie der Völker ist ursprünglich 
durchaus nicht ästhetisch, sondern religiös. Sie beruht nicht auf 
einer Phantasiethätigkeit, sondern auf dem Glauben, d. h. auf 
wirklichem Fürwahrhalten dessen, was man nicht sieht. Der 
Grieche, der im Donner und Blitz den Göttervater Zeus, in der 
Sonne den Sonnenwagen des Helios, im Windhauch den flüchtigen 
Götterboten Hermes, in der Wolke die finstere Gorgo sah, der 
belebte zwar die Natur auch, aber diese Belebung war kein Spiel 
seiner Phantasie, sondern er glaubte heilig und fest an diese Wesen. 
Erst allmählich, als dieser Glaube schwand, wurde aus der wirk¬ 
lichen Täuschung, dem Aberglauben, die bewusste Selbsttäuschung, 
die poetische Beseelung der Natur. Und wenn wir heutzutage 
die Natur mit ähnlichen Wesen beleben, wenn z. B. Boecklin in 
seinen Landschaften menschliche oder halbmenschliche Wesen an¬ 
bringt, die gewisse Naturerscheinungen, gewisse Geräusche der 
Natur personifizieren sollen, so ist es doch selbstverständlich, dass 
dies nur ein Spiel der Phantasie ist, dass wir nicht wirklich an 
diese Wesen glauben. Diese Art von Beseelung ist also eine be¬ 
wusste Selbsttäuschung. 
Inwiefern kann man nun sagen, dass wir uns bei dieser ästhe¬ 
tischen Anschauung selbst in die Naturgebilde einfühlen? Die 
Einfühlungsästhetik nimmt das nämlich an. So wie sie sich ein-
        

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