Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/362/
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rechtigt. Aber diese Vorliebe ist nicht verbindlich für die übrigen 
Menschen, besonders nicht für die schaffenden Künstler, die ohne 
Voraussetzungen an die Natur herantreten, sich eine eigene Auswahl 
und Accentuierung der Natur, kurz einen eigenen Stil ausbilden. 
Aus der Art, wie das Gefühl für die Naturschönheit zu stände 
kommt, ergiebt sich zugleich, dass dieses Schönheitsideal immer 
wechseln, mit jedem Umschwung der künstlerischen Prinzipien ein 
anderes werden muss. Denn es geht ja letzten Endes immer auf den 
persönlichen Geschmack irgend eines grossen Künstlers oder einer 
Gruppe von grossen Künstlern zurück. Sobald also neue grosse 
Meister auftreten und die Natur in andererWeise anschauen, anderes 
aus ihr auswählen und es anders verändern, wird das alte Ideal 
durch ein neues verdrängt. Der Sieg dieses neuen Ideals wird dann 
wiederum von der Kraft der Illusion abhängen, mit der ein Künstler 
seinen Geschmack dem Publikum zu oktroyieren weiss, indem er 
die aus seinem persönlichen Schönheitsgefühl herausgewachsenen 
Typen mit Leben erfüllt, wie eine andere Natur erscheinen lässt. 
Ich habe in der That die feste Überzeugung, dass das, was 
die Menschen in den nachahmenden Künsten gemeinhin „das 
Schöne“ nennen, nichts anderes ist als die konventionelle Art die 
Natur zu sehen und auszuwählen, die sich in einer bestimmten 
Zeit, unter dem Einfluss eines bedeutenden Künstlers oder einer 
Gruppe bedeutender Künstler ausgebildet hat. Das Gefährliche 
dieser Auffassung besteht nun darin, dass sie dem Irrtum Vor¬ 
schub leistet, als ob das Schöne etwas objektiv in der Natur Vor¬ 
handenes, ein für allemal Feststehendes wäre, dem sich die Kunst 
demütig nahen müsse und das sie nur kopieren dürfe. In Wirk¬ 
lichkeit liegt die Sache eben umgekehrt, indem das Schöne das ist, 
was der Mensch von sich aus, sie mit seinem Geiste durch¬ 
dringend, zur Natur hinzubringt, indem er sie nicht wahllos und 
sklavisch kopiert, sondern den im Wesen seiner Kunst liegenden 
Gesetzen und seinem persönlichen Schönheitsideal folgend aus¬ 
wählt. Dieses persönliche Schönheitsideal ist aber rein individuell. 
Es hat eine normative Bedeutung nur für den der ihm huldigt, 
nicht für die anderen. Sobald es aus seiner persönlichen Sphäre 
heraustritt und allgemeine Gültigkeit beansprucht, wird es kunst¬ 
feindlich und entwickelungsstörend. Es war ein Elauptfehler der 
früheren Ästhetik, dass sie dieses anfangs individuelle, später kon¬ 
ventionelle Schönheitsideal in die normative Ästhetik aufnahm. 
Der Beweis für die Unverbindlichkeit dieses Ideals liegt in
        

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