Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/357/
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stimmte Richtung des Geistes dazu, wenn er dabei von allen sinn¬ 
lichen Nebenbeziehungen absehen soll. Ein Kunstwerk dagegen 
kann man gar nicht anders als in uninteressierter Weise an¬ 
schauen, weil es gar nicht sinnlich genossen werden kann. So¬ 
bald sich der Mensch überhaupt entschliesst, die Natur im Bilde 
darzustellen, sind auch die Bedingungen für die uninteressierte Be¬ 
trachtung dieser Darstellung gegeben. Da er nun schon auf der 
primitiven Stufe seiner Entwickelung die Kunst kennt, aber erst 
auf höherer Kulturstufe die uninteressierte Anschauung der Natur 
ausgebildet hat, so ist es klar, dass er früher zur uninteressierten 
Anschauung der Kunst gekommen sein muss als zu der der Natur. 
So seltsam es auch klingen mag, da ja die Natur das Primäre, die 
Kunst das Sekundäre ist, es kann doch kein Zweifel bestehen, dass 
diese ganze Art der Anschauung sich zuerst der Kunst gegenüber 
ausgebildet hat und erst von dieser auf die Natur übertragen 
worden ist. Die ästhetische Anschauung der Natur ist also im 
Grunde nichts anderes als Kunstanschauung. Was dabei den Genuss 
ausmacht, ist gar nicht die Natur, sondern die Kunst, an die man 
dabei denkt. Oder besser gesagt, es ist weder die Kunst noch die 
Natur allein, sondern das Verhältnis beider zu einander, das Hin- 
undheroszillieren des Bewusstseins zwischen beiden. 
So gewinnt also die Illusionsästhetik, nachdem sie zuerst den 
Naturgenuss vom Kunstgenuss prinzipiell getrennt hat, doch wieder, 
indem sie alles Nichtästhetische aus dem Naturgenuss eliminiert, 
die Möglichkeit, den letzteren mit dem erster en unter einen Ge¬ 
sichtspunkt zu bringen — die letzte und wie ich glaube über¬ 
zeugendste Probe auf die Richtigkeit der Illusionstheorie. Wir 
haben uns eben gewöhnt, vom Naturgenuss nur das als ästhetisch 
zu bezeichnen, was mit dem Kunstgenuss — sowohl in negativer 
als auch in positiver Beziehung — übereinstimmt. 
Im Grunde ist also die Naturschönheit gar nichts anderes als 
Kunstschönheit, gewissermassen eine umgedrehte Kunstschönheit. 
Denn die Natur ist in diesem Sinne nur schön mit Beziehung 
auf die Kunst, ihre Schönheit also nur eine besondere Art von 
Kunstschönheit, eine besonders gewendete Kunstschönheit. Und 
ebenso wie das Kunstschöne nichts ein für allemal Feststehendes 
ist, sondern das was unter Voraussetzung einer bestimmten psy¬ 
chischen Disposition Illusion erzeugt, ebenso ist auch das Natur¬ 
schöne nichts ein für allemal Feststehendes, sondern etwas, was 
in Bezug auf die Kunst, auf eine bestimmte Kunst schön ist, weil
        

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